Wir waren hin und her gerissen. Es war noch so viel Arbeit zu tun. Die Liste schien endlos.
Als wir noch in der Marina waren, hatten wir irgendwann unsere To-Do-Liste aufgeteilt in „Muss vor der Einwässerung getan werden“ und „Machen wir im Wasser“.
Doch jetzt wo wir im Wasser waren, hatten wir gar keine Lust mehr auf Reperaturen.
Viel lieber wollten wir segeln gehen, endlich etwas von dem Abenteuer erfahren, für das wir aufgebrochen sind. Andererseits gab es Dinge auf der Liste, die uns als ziemlich wichtig erschienen.
Wir gönnten uns einen freien Tag vor Anker an dem wir nichts taten als lesen, schwimmen, kochen und vor allem, uns frei zu machen vom Denken und Grübeln. Es ist schon ein Phänomen, dass das Gehirn oft am besten an einer Problemlösung arbeitet, wenn man es scheinbar mit ganz anderen Dingen beschäftigt.
Diese Taktik hat mir schon oft geholfen und so war es auch diesmal. Nach diesem Tag hatten wir Klarheit. Wir beide wussten, wir wollen eine Pause. Wir wollen endlich etwas von Fiji sehen und wir wollen segeln.
Ein kurzer Blick auf die Karte und wir hatten auch schon ein Ziel: die Yasawas, eine Inselgruppe nord-westlich der Hauptinsel Viti Levu. Von unserem Standort aus das naheliegendste.
Vorfreude kam auf. In zwei Tagen sollte es losgehen. Davor nochmal einkaufen, Diesel besorgen und in der Marina ein Bier trinken mit einem lieben Menschen der bald in eine andere Richtung aufbrechen würde.
Doch dann bekamen wir eine Nachricht: „Wetter in 7-10 Tagen sieht komisch aus, es wäre Zeit fertig zu werden für den Fall, dass man weg muss.“
Also öffneten wir Windy. Wir hatten uns das Wetter für nie mehr als die nächsten drei Tage angeschaut, denn mehr als drei bis vier Tage können die Wettermodelle eh nicht zuverlässig vorhersagen – so die einheitliche Meinung der anderen Segler*innen.
Doch diesmal liesen wir die Zeitachse durchlaufen. Wir konnten beobachten wie sich etwas zusammenbraut. Die Farben über Fiji wechselten von grün zu gelb-orange und wurden immer dunkler. Ein sich verengender Wirbel näherte sich von Westen. Er verdichtete sich immer weiter bis die Farbe genau über Fiji plötzlich in rot umschlug.
Okay, das sah gruselig aus. Wir hatten uns noch nicht viel mit dem Wetter und dessen Vorhersagen und Modellen beschäftigt. Naiv wie wir waren hatten wir gedacht, in Fijis Trockenzeit werden wir durchgehend mehr oder weniger schönes Wetter haben und so wirklich mit dem Thema auseinandersetzen müssen wir uns erst dann, wenn wir planen Fiji zu verlassen.
Dieser rote Wirbelwind direkt über uns belehrte uns eines Besseren.
Wir wechselten vom amerikanischen zum europäischen Modell und beobachteten noch einmal wie Hoch- und Tiefdruckgebiete wanderten, sich verengten und wieder ausbreiteten. Auch diesmal kreiste der Wind immer enger aber er blieb bei einem dunklen orange und wurde auch, nachdem er über Fiji hinweg gezogen war, nicht rot.
Der Gedanke schon bald einem solchen Sturm ausgesetzt sein zu können beunruhigte uns. Was wenn sich wirklich so etwas wie ein Zyklon über Fiji bildet? Denn die Vorhersage des amerikanischen Modells sah verdammt nach einem Zyklon aus. Und auch wenn die Europäer etwas optimistischer waren, waren es wohl in der Vergangenheit die Amerikaner gewesen, die als erstes vor solchen herannahenden Katastrophen gewarnt haben. „Fertig werden für den Fall, dass man weg muss.“ Was sollte das denn bedeuten? Wohin fährt man, wenn sich ein Wirbelsturm über der Insel bildet auf der man sich gerade befindet? Unser Boot fährt unter Motor 11 km/h. Damit braucht man kaum vor einem Sturm davon fahren. Ich fühlte mich dem Ganzen hilflos ausgeliefert.
Doch schon am nächsten Tag relativierte sich die Sorge um einen herannahenden Zyklon. Das europäische Modell zeigte schon keinen Wirbelsturm mehr und das amerikanische sah zumindest schon weniger bedrohlich aus. Doch etwas anderes konnten wir gut erkennen und hierbei waren sich sowohl Europäer, Amerikaner als auch Australier einig: die nächsten Tage werde sich eine Sturmwand bilden, die sich für mehrere Tage über Fiji festsetzt. Sie bringt fast durchgehend 20-25 kn Wind, die lokal und temporär auf 30-35 kn zunehmen können. Das sind Windgeschwindigkeiten von bis zu 60 km/h. Wer hier nicht in der richtigen Bucht liegt, für den könnte es ungemütlich werden.
Das was da auf uns zu kommt nennen die Fijis „Bogi Walu“. Übersetzt bedeutet das „acht Nächte“. Ein Phänomen welches wohl typischer Weise während Fijis Winter, der Trockenzeit, auftritt.
Südlich von Fiji ziehen immer wieder starke Hochdruckgebiete vorbei, die für eine Zeit lang unter Fiji ins stagnieren kommen können. Diese Hochdruckgebiete verursachen dann starke Winde, die bis zu acht Nächte anhalten.
Wir waren heilfroh, statt mit einem Zyklon lediglich mit Bogi Walu Bekanntschaft machen zu müssen. Und dennoch, aufgrund mangelnder Erfahrung wussten wir nicht, wie wir uns am besten Verhalten sollten.
Zum Glück gibt es Dirk. Seine Frau und er sind bereits ein und halb mal um die Welt gesegelt und bringen dementsprechend einiges an Erfahrung mit. Er war es auch, der uns überhaupt auf das Wetter aufmerksam gemacht hat. Er empfahl uns, nach Musket Cove zu kommen. Eine Bucht auf einer Insel zwischen den Yasawas und Viti Levu. Dort gebe es Moorings1 die gut halten. An eine solche können wir Lola, für die Zeit der starken Winde, vertauen.
Das war perfekt für uns. Musket Cove ist ein prima Startpunkt, um weiter in den Norden zu fahren. Doch wir sollen uns beeilen, denn die Mooringplätze sind begrenzt und bei solchen Vorhersagen heiß begehrt.
Auswettern. Dieses Wort beschreibt den Umstand an einem Ort zu verweilen, weil dort die Wetterbedingungen im Moment besser sind als an den anderen, von einem erreichbaren Orten. Das wortwörtliche auf-besseres-Wetter-warten gehört ganz klar zum segeln dazu. Doch dass unsere Reise gleich damit anfängt hätten wir nicht erwartet. Eine gute Übung, sich in Geduld zu üben.
Wir beeilten uns mit den Besorgungen, kauften nur etwas Essen und einen Karton Fiji Gold für Dirk, dann brachen wir schnellst möglich auf.
Lediglich vier Stunden braucht man von der Hauptinsel bis nach Musket Cove. Wir brauchten sieben.
Wir ergatterten einen der letzten Mooringplätze. Es war voll. Nicht nur an den Bojen lagen Boote. Viele ankerten auch in der Bucht, die bekannt dafür ist, einen geschützen Ort bei Unwettern ab zu geben. Einige der Boote erkannten wir wieder. Viele waren für Bogi Walu aus den Yasawas zurück gekommen.
Die kommenden Tage fühlten sich surreal an. Täglich gab es Sturmwarnungen per Funk, die vor allem die Yasawas betrafen. Wir konnten den Sturm auf Windy beobachten, wie er überall um uns herum tobte. Doch wir bekamen fast nichts davon mit, außer dass der blaue Himmel grauen Wolken wich, die sich von Zeit zu Zeit über uns abregneten. Und am Horizont, da wo der Ozean auf das Außenriff trifft, konnten wir beobachten wie weiße Streifen entstanden und gleich wieder verschwanden, um sie herum ein feiner Nebel. Das was wir lediglich als weiße Streifen ausmachen konnten waren Wellen, die aufgepeitscht vom Wind gegen das Riff donnerten.
Wir nutzten die Zeit um wieder ein paar Punkte auf der To-do-Liste abzuhaken und andere zu streichen um sie durch neue Punkte zu ersetzen. Wir haben den Ofen auseinandergenommen um den Thermofühler des Backofen zu tauschen und er funktioniert wieder! Ich habe Tom das erste mal den Mast hochgezogen damit dieser schauen kann, warum der Windgenerator keinen Strom bringt. Wir hatten beide ein bisschen die Hosen voll weil die einzige Leine, die dafür infrage kam keinen Stopper2 hat. Nachdem das aber ganz wunderbar funktioniert hat und Tom sicher rauf und auch wieder runter gekommen ist, habe ich ihn am nächsten Tag gleich noch einmal hochgezogen und diesmal hat der den Windgenerator abgebaut um ihn unten zu zerlegen. Außerdem hat Tom zusammen mit Dirk das Pitufino installiert, welches uns erlaubt all die wichtigen Daten vom GPS, AIS etc. am Handy anzuzeigen. Denn dieses ersetzt gerade unsere kaputten Kartenplotter.
In der sechsten Nacht drehte dann der Wind und auf einmal hatten wir auch in Musket Cove 25 kn Wind. Es war die bis dato unruhigste Nacht. Zum Glück lagen wir an einer Mooring und mussten uns keine Sorgen darum machen, ob unser Anker hält. Doch immer wieder hörten wir laute Geräusche, ein Bumpern, ein Knarzen, etwas das wie arbeitendes Metall klang. Mehrfach standen wir auf, um zu sehen woher diese Geräusche kamen. Doch wir bekamen es nicht raus. Wir dösten immer mit einem offenen Ohr. Das Schaukeln war okay, nicht angenehm aber auch nicht dramatisch. „Fühlt sich an wie achterbahnfahren“, murmelte Tom im Halbschlaf. Ich musste an die „Oachkatzerlbahn“ aus dem Märchenpark in meiner Heimat denken und lächelte. Gut möglich, dass sich diese Bahn als Kind ähnlich angefühlt hat. Um drei Uhr schaute ich aufs Handy, 40 min lag ich nun schon im Bett ohne wieder zurück in den Halbschlaf zu finden. Also stand ich auf und legte mich in den Saloon um zu lesen. Draußen konnte ich das weiße Toplicht von einem benachbarten Boot sehen, welches sich auf uns zu bewegte und bedrohlich nahe kam. „Da treibt jemand auf uns zu“, schoss es mir durch den Kopf und sprang auf. Unweigerlich hatte ich Bilder im Kopf, wie ich es schaffte den Motor rechtzeitig zu starten, die Leinen zu lösen um gerade noch diesem Boot zu entkommen, zusammen mit Bildern wie ich es in der Panik nicht schaffte den richtigen Schlüssel zu finden und wir mit einem lauten Krachen gerammt wurden. Als ich auf das Deck kam war ich erleichtert. Das Boot war viel weiter weg, als es von unten ausgesehen hatte. Trotzdem konnte ich nicht anders als es von nun an genau im Blick zu behalten.
Die Nacht war aufregend, gar keine Frage. Aber schlimm kam sie mir im Nachhinein nicht vor. Wenn wir unser Boot irgendwann gut genug kennen um gelassen mit diesen ganzen Geräuschen umgehen zu können und wir uns noch mehr an das Schaukeln gewöhnt haben, sollten uns solche Nächte in Zukunft nicht mehr so viel ausmachen, dachte ich zuversichtlich.
Dass das Ganze dann doch nicht so harmlos war wurde mir klar als wir erfuhren, dass in dieser Nacht zwei Boot ihre Dinghys3 verloren hatten und ein anderes, welches weiter draußen geankert hatte, vertrieben wurde und auf ein Riff gelaufen ist.
Nach dieser Nacht hellte sich der Himmel das erste mal wieder auf und lies ein wenig Sonnenschein durch. Ich wurde unruhig, ich wollte endlich weiter. Doch es dauerte noch zwei weitere Tage bis der Wind wieder grün wurde und wir endlich aufbrechen konnten.
Für die Nicht-Segler*innen:
1 Bojen, die durch einen Betonsockel im Grund verankert sind
2 Eine Sicherung für Leinen die, wenn sie zu ist, die Leine nur in eine Richtung durchlässt
3 Kleine Beiboote, meist Schlauchboote mit Aluminiumboden




