Ich lies das kalte Wasser auf meinen Kopf rieseln. Das dunkle grün der Blätter, die weißen und roten Blüten, all das war mir so vertraut. Zu meiner Verwunderung, hatte sich beim Betreten des Geländes ein ganz warmes Gefühl in mir breit gemacht. Ich war zurück in der Vuda Marina, unserem ersten Zuhause in der Ferne, doch diesmal war ich nur Besucherin.
Ich stellte das Wasser ab und griff zum Handtuch. Ich hatte lange geduscht, ein Luxus den ich inzwischen sehr zu schätzen weiß und voll auskostete.
Wir waren zurück am Festland um die Verlängerung unserer Visa zu beantragen. Per Zufall haben wir von dem Filmfestival erfahren, dass an diesem Abend im Restaurant der Marina statt finden sollte. Das traf sich gut, ich musste eh zu dem dortigen Yachtshop und so ergab sich die Gelegenheit sowohl Freunde von uns zu verabschieden, die in wenigen Tagen nach Vanuatu aufbrechen wollten und meiner Mama das Gelände zu zeigen, auf welchem unsere Reise begonnen hat.
Es wurde ein richtig netter Abend. Die Filme malten das Meer in ganz anderen Farben als ich es aus den Dramen und Blockbustern, die vermutlich der Ursprung meiner Angst sind, gewohnt bin. Durch ihre Kamera wirkte es sanft, bunt und aufregend. Die Filme zeigten es als etwas schützenswertes und etwas das bedroht ist.
Es war bereits nach Mitternacht als uns die Mitarbeiter des Restaurants höflich baten, die Rechnung zu zahlen und nach Hause zu gehen.
Unser Dinghy wartete schon im Hafenbecken auf uns. Es war eine dunkle, mondlose Nacht doch die Sterne leuchteten hell am Himmel. Mir wurde mulmig zumute, unsere Ankerbucht lag eine dreiviertel Stunde von der Marina entfernt, wenn man schnell ist. Es ist nicht das erste Mal, dass wir nachts mit dem Dinghy1 unterwegs sind, doch waren die zurückgelegten Strecken bei weitem nicht so groß gewesen. Nun bereute ich, für heute Mittag keine andere Lösung gefunden zu haben.
Zum Glück war es windstill und das Wasser veränderte sich kaum, als wir den Hafen verließen. Tom gab Gas und ich wusste nicht, ob ich das gut fand weil die Fahrt so kürzer sein würde, oder ob es mir Angst machte so schnell über das schwarzes Wasser zu peitschen ohne recht etwas zu sehen. Das Land war viel zu weit weg für meinen Geschmack, doch die Riffe und Untiefen ließen es nicht zu sich näher an der Küste zu bewegen.
So fuhren wir schweigend eine Weile, als plötzlich der Motor leiser wurde. Es hörte sich an, als hätte Tom abrupt das Gas weg genommen, dann starb er ganz ab. Unsere Heckwelle war nun schneller als wir, sie ergriff das Dinghy und trug uns noch eine Weile bevor wir stehen blieben. Beunruhigt schaute ich zu den Anderen doch Tom erwiderte meinen Blick nicht. Er zog an der Schnur um den Motor wieder zu starten, doch es tat sich nichts. Er zog wieder und wieder und endlich sprang der Motor an. Behutsam gab Tom Gas, aber schon nach kurzer Zeit erstarb der Motor erneut. Ich sah die wachsende Unruhe meiner Mama in ihrem Blick und obwohl ich mich mindestens genauso unwohl fühlte, versuchte ich Ruhe auszustrahlen um ihr ein bisschen mehr Sicherheit zu geben. Die Vuda lag schon ein paar Meilen hinter uns. Das schwarze Wasser wog sanft um das Dinghy. Tom kontrollierte die Leiter des Tanks, pumpte ein paar mal und leuchtete mit der Taschenlampe auf den Motor. „Tom, rede mit mir“, bat ich ihn, „was ist los?“ „Keine Ahnung“, die Antwort war ernüchternd.
Nach ein paar weiteren Versuchen sprang der Motor endlich wieder an. „Wir sollten umdrehen, um uns nicht weiter von der Marina zu entfernen“, sagte ich und sehnte mich zurück auf das sichere Land.
Als der Motor zum dritten mal abstarb begann ich zu rudern während Tom den Deckel des Motors öffnete, doch er konnte nichts offensichtliches erkennen. Nach dieser ersten Inspektion gab er fürs erste auf und startete den Motor erneut, legte den Vorwärtsgang ein und im Standgas tuckerten wir zurück Richtung Marina. Die Strecke, die wir zuvor noch mit 13 kn zurück gelegt hatten, fuhren wir nun mit 3 kn. „Sollten wir nicht lieber rudern um den Motor zu schonen?“; fragte ich, doch Tom schüttelte den Kopf. Ich wusste nicht, was mir lieber gewesen wäre. Auf der einen Seite wollte ich so schnell wie möglich zurück in den sicheren Hafen, auf der anderen Seite hatten wir die Erfahrung gemacht, dass die Geräusche des Motors alle möglichen, neugierigen Tiere anlocken konnte. Große Fische zum Beispiel oder Riffhaie. Aber vielleicht hätte das Platschen der Ruder den selben Effekt. Ich versuchte mir nicht vorzustellen welche Tiere sich gerade unter oder um unser Boot tummeln könnten, als es laut krachte. Ich erstarrte, etwas hatte uns mit voller Wucht gerammt. Panik stieg in mir hoch. Auch Mamas Gesicht war blass und selbst Tom wirkte erschrocken. Ich riss mich zusammen. „Alles gut Mama, ein Fisch hat uns übersehen“, sagte ich und versuchte zu lächeln. Wir fuhren weiter und ich betete, dass wir schnell ankommen würden.
Zurück im Hafen kletterten Mama und ich aus dem Dinghy, damit Tom in Ruhe und mit mehr Platz nochmal nach dem Motor schauen konnte. Schon auf dem Wasser hatte er einen Kolbenfresser vermutet und uns prophezeit, dass der Motor vermutlich nicht mehr zu retten sei. Niedergeschlagen saßen wir auf der Wiese am Kai und starrten vor uns hin. Schon wieder war etwas kaputt, nachdem in den letzten Tagen bereits das Dampferlicht, die Toilette, die Bilgenpumpe, die Süßwasserpumpe und das AIS ihren Geist aufgegeben hatten. Als Mama mich fragte wie es mir geht musste ich überlegen. Ich wusste es nicht, irgendwie fühlte ich mich wie auf Standby. „Ich schau mal ob wir noch Bier bekommen“, sagte sie und stand auf. Wenig später kam Tom, er lief an mir vorbei und legte sich, ohne ein Wort zu sagen, ein paar Meter weiter in das Gras. Schweigend legte ich mich neben ihn. Ich wusste wie er sich fühlte, wusste von den Zweifeln und dem Gefühl, dass einem alles über den Kopf wächst und man den Dingen nicht mehr Herr wird. Ständig geht es Schlag auf Schlag. Für alles was wir reparieren gehen zwei neue Dinge kaputt. Die Liste der zu erledigenden Dinge wächst und wächst, während das Geld auf unserem Konto unaufhörlich schrumpft. Und gleichzeitig sitzt uns die Zeit im Nacken, denn das Datum an dem wir Fiji verlassen müssen rückt unaufhörlich näher und wir sind nicht nur technisch nicht für eine Überfahrt ausgerüstet, wir haben auch immer noch kaum Segelerfahrung.
All diese Dinge schwirrten uns durch den Kopf als ich die Stimme meiner Mama hörte. Sie wurde begleitet von einem Mann in Security Uniform, der einen Eimer mit Eis und mehreren Flaschen Bier in der Hand hielt. „Was habt ihr nun vor?“, wollte er von uns wissen.
Ein Taxi zum Strand zu nehmen wäre sinnlos, ohne unserem Beiboot das uns zu Lola bringt. Eigentlich blieb uns erst mal nichts anderes übrig als die Nacht auf dem Wiesenstreifen am Kai zu verbringen. Doch davon wollte der Mann nichts wissen, „Kommt mit, ihr könnt im Restaurant schlafen. Und ich bin die ganze Zeit hier und passe auf euch auf.“
Wir schulterten unsere Rucksäcke und folgten ihm zurück in das Restaurant. Ein paar der Kellner:innen trafen noch letzte Nachbereitungen. Der Security-Mann führte uns in den hinteren Teil, einen kleinen Kinderspielplatz mit einer Reifenschaukel und einem Spielhäuschen das aussieht wie ein Boot. In diesem Teil des Restaurants war ich ein paar mal beim Yoga gewesen, welches jeden Morgen von schrulligen, älteren Damen organisiert wird. Daher wusste ich auch, dass der dortige Plastikrasen erstaunlich weich ist.
Wir setzten uns auf eine der Bänke und öffneten die Flaschen. Schon gleich kamen ein paar der Kellner:innen und setzen sich zu uns. Sie teilten sich Zigaretten und plauderten mit uns. Und obwohl es schon nach ein Uhr war und sie alle einen langen Arbeitstag hinter sich hatten, spaßten und lachten sie. Wir bekamen eine traditionell geflochtene Matte, ein Kissen und drei Tischdecken. Wir bedankten uns und als endlich auch die Letzten mit ihrer Arbeit fertig waren, wünschten wir uns alle eine gute Nacht. Zurück blieben nur wir drei. Als ich mich auf unserem Nachtlager niederließ vermisste ich unser Bett auf Lola, über welches ich sonst so oft schimpfte. Tja, alles nur eine Sache der Perspektive. Überraschenderweise konnte ich relativ gut schlafen und als es hell wurde und die erste Mitarbeiterin sich über uns beugte um uns skeptisch zu beäugen, zog ich mir die Decke über den Kopf. Doch als die ersten Frauen ihre Yogamatten neben uns ausbreiteten wurde es ungemütlich und wir brachen unser Nachtlager ab.
In dem kleinen Laden holten wir uns einen Kaffee und schauten dann zu der Bootstankstelle, bei welcher Tom am Vortag den Tank für unseren Außenborder auffüllen lassen hat. Vielleicht hat ja der Tankwart aus versehen falsch getankt? Doch Tom wusste noch sicher, dass er die linke Zapfsäule benutzt hatte und auf der stand dick und fett „unloaded“.
Von unseren Freunden bekamen wir Werkzeug und die Nummer von einem wohl sehr talentierten Mechaniker mit fairen Preisen. Wir riefen ihn an und er sicherte uns zu, sofort vorbei zu kommen.
Es war ein kleiner Mann mit Brille und schlanker Statur. Eindeutig kein Fiji, vermutlich ein Inder. Er schüttelte uns die Hand und kletterte flink auf das Dinghy wo er sich sogleich über den Motor beugte. Er brauchte nur fünf Minuten, dann richtete er sich wieder auf. „Das ist ein Zweitaktmotor“, stellte er fest, „ihr braucht Öl.“
Warte mal… was?! Der Motor ist gar kein Viertakter? Wir haben einen Zweitaktmotor, welchen man mit Benzin-Öl-Gemisch fährt drei Monate mit reinem Benzin gefahren? Ich konnte es nicht glauben. Hätte er dann nicht schon viel früher kaputt gehen müssen? „Und ihr braucht neue Zündkerzen,“ ergänzte der Inder, „wartet hier.“ Kurz darauf kam er mit den passenden Zündkerzen aus dem Yachtshop wieder. Tom holte das Motoröl und ich bezahlte die zwei Dinge im Shop, insgesamt 50Fd. Der Inder tauschte die Zündkerzen, Tom schüttete das Öl in den Tank, dann startete er den Motor. Der Inder kletterte zurück auf den Steg und Tom drehte eine Runde durch den Hafen.
„Wir sind diesen Motor drei Monate trocken gefahren, selbst wenn er nun wieder Öl bekommt, meinst du er ist damit noch zu retten?“, fragte ich den Mechaniker. Dieser blickte mich verwundert an, dann zuckte er die Schultern, „der Motor klingt gut, hätte er schweren Schaden genommen müsste ich das hören.“
Tom kam zurück, „er läuft wieder.“ Ich staunte über den kleinen Mann der gerade unserem Motor das Leben gerettet hat. Er wollte 100Fd die wir ihm sehr gerne gaben. Noch immer konnte ich es nicht ganz glauben, dass wir den Motor drei Monate ohne Öl gefahren sind und er davon keinen Schaden genommen haben soll?! Damit hätten wir es fast geschafft den wohl robustesten Außenborder überhaupt zu Schrott zu fahren. Und warum hatte uns der Vorbesitzer gesagt, bei dem Außenborder handle es sich um einen Viertakter? Ist er den Motor womöglich auch schon ohne Öl gefahren?
Als wir nun aufbrachen um endlich zurück nach Saweni Bay zu fahren fühlten wir uns irgendwas zwischen euphorisch und skeptisch. Draußen auf dem Wasser fiel mit ein Stein vom Herzen und trotzdem erwartete ich jeden Moment, der Motor könne wieder ausgehen. Inzwischen möchte ich mich lieber nicht zu früh freuen.
Doch zum Glück kamen wir ohne irgendwelche Zwischenfälle zurück zu unserer Ankerbucht. Der Motor hat zwar ein bisschen an Leistung verloren, doch er läuft wieder. Was für eine Aufregung und ein Abenteuer auf das meine Mama bei ihrem Besuch sicher hätte verzichten können.
Für die Nicht-Segler:innen:
1 Beiboot um vom Boot an Land zu kommen

