Der Termin für unsere Einwässerung verschob sich durch diverse Rückschläge immer wieder weiter nach hinten. Auch an dem Tag, an dem es dann tatsächlich passierte, war morgens noch nicht klar, ob es klappen würde oder nicht. An jenem Tag war diese Unsicherheit allerdings nicht uns, sondern dem vollen Terminplan des Kranführers geschuldet.
Einer dieser Rückschläge war, dass uns erst sehr spät auffiel, dass der Holzblock auf dem unser Kiel1 lag gebrochen war. Lola ist wohl ein wenig in ihrem Pit abgesunken. Das hat dazu geführt, dass am Kiel und am Rumpf kleine Stellen frei gerubbelt wurden, die nun offen lagen und rosteten. Aufgrund dessen hatte man uns in den Hardstand2 befördert wo wir diese letzten kleinen Roststellen behandeln konnten. Uns wurde zugesagt, dass wir ins Wasser gesetzt werden, sobald wir damit fertig sind. „Und sei es an einem Sonntag“, hatte uns einer der Chefs versprochen. Doch als wir dann endlich bereit waren, war dieser im Urlaub und die Bürodamen wollten davon nichts wissen. Der Kranführer sei ausgebucht, da sei nichts zu machen, eine Woche werden wir noch warten müssen, erklärte man uns. Doch wir wollten nicht mehr und wir konnten nicht mehr. Wir brauchten diesen Tapetenwechsel, dieses Erfolgserlebnis. Wir hatten genug von den Mücken und der drückenden Hitze. Also beschlossen wir den Kranführer direkt anzusprechen und zu fragen, ob sich für uns nicht ein früherer Termin finden ließe.
Doch dieser schüttelte den Kopf. „Wer nicht auf der Liste steht, kommt auch nicht ins Wasser“, meinte er. Wir müssen das mit dem Büro klären. Auf dem Weg zurück zu unserem Boot begegnete uns Michael, einer der Arbeiter mit dem wir gerne mal quatschten. Als wir ihm von unserer Situation erzählten, grinste dieser nur, „lasst mich mal mit ihm reden“. Und tatsächlich, eine Stunde später steuerte der Kran auf uns zu. Jetzt musste alles ganz schnell gehen. All die rumliegenden Sachen wurden schnellstmöglich verräumt und verstaut und dann hing Lola auch schon in der Luft.
Man setzte uns in eins der zwei Hafenbecken, welches zum Glück noch nicht sonderlich voll und damit auch nicht sehr eng war. Für ein paar Minuten hingen wir noch in den Schlaufen des Krans um sicher zu gehen, dass auch nirgends Wasser eindrang. Dann gaben wir dem Führer ein Zeichen und fuhren los. Tom steuerte und ich war heilfroh nicht an seiner Stelle aus dem Hafen manövrieren zu müssen.
Lola schwamm. Ich war völlig euphorisch! Gemächlich und doch irgendwie elegant bahnte sie sich ihren Weg durch das Wasser. Vom Land aus winkten uns die Leute und ich winkte eifrig zurück. Wir hatten es geschafft. Wir hatten sie wieder schwimmfähig gemacht und nun würde unsere Reise losgehen! Es fühlte sich wunderschön an in diesem neuen Element, in unserem neuen Zuhause.
Doch diese Euphorie war nur von kurzer Dauer. Kaum hatten wir den geschützten Hafen verlassen war das Meer ein anderes. Auf einmal wurde es windig und wellig und ich fühlte mich sogleich ziemlich überfordert. Wir wussten bereits wo wir die Nacht verbringen wollten, doch am Ende war alles so schnell gegangen und wir dann ziemlich unvorbereitet in See gestochen. Jetzt fuhren wir blind drauf los. Die Kartenplotter3 waren kaputt, die Navigationsapp für das Tablet noch nicht installiert. Wir steuerten einfach mal raus, da wo die Wahrscheinlichkeit auf Riffe zu treffen hoffentlich geringer sein würde als an der Küste entlang. Das sollte uns Zeit verschaffen uns um die Navigation zu kümmern.
Die Wellen waren fies. Nicht sonderlich hoch aber in solch kurzem Abstand, dass Lola wild vor und zurück kippte. Die Bugspitze4 tauchte immer wieder krachend in das Wasser ein. Wir hangelten uns vor auf das Deck. Hier vorne waren die Auf- und Ab-Bewegungen nochmal mehr zu spüren als im Cockpit5. Es fühlte sich ein bisschen an wie Achterbahn fahren. Wir hielten uns an den Leinen fest um ja nicht über Bord zu gehen. Tom fing an zu springen und die Bewegungen des Bugs halfen ihm. Er sprang hoch, es sah fast aus wie auf einem Trampolin. Ich tat es ihm gleich und musste lachen. Es fühlte sich auch ähnlich an wie auf einem Trampolin. Wir gaben bestimmt ein seltsames Bild ab, wie wir lachend auf dem Deck auf und ab hüpften, während unser Boot wild hin und her schaukelte.
Doch dann wurde mir schlecht.
Jetzt war mir ganz und gar nicht mehr nach lachen zu mute. Mit zitternden Beinen hangelte ich mich zurück ins Cockpit. Nicht nur mein Magen protestierte, auch hinter meiner Stirn verspürte ich einen Druck und das Schaukeln wurde zur Qual. Nun verstand ich, warum es See-“krank“ heißt. Ich fühlte mich elendig und verfluchte mich für die Entscheidung mit einem verdammten Segelboot auf Reisen zu gehen. Ich wollte nur noch runter vom Boot, zurück auf festen Grund.
Wer zum Teufel kommt auf die bescheuerte Idee, auf einem Boot zu leben? Wo man ständiger Bewegung ausgesetzt ist und man nichts dagegen tun kann. Wo man nicht einfach auf eine Stop-Taste drücken oder aussteigen kann, wenn es einem zu viel wird.
Wir hatten jahrelang gespart und alles hinter uns gelassen, um mit diesem Boot ein neues Leben zu beginnen. Wir haben fünf Wochen lang jeden einzelnen Tag gearbeitet um ins Wasser zu können. Und nun stellte ich nach nur 30 Minuten fest, dass es mir auf dem Wasser ganz und gar nicht gefällt.
Für mich stand fest, sobald wir die Ankerbucht erreichen, gehe ich an Land und schlafe am Strand. Und je schneller wir dort sind, desto besser. Tom kümmerte sich um Lola. Ich war nicht im Stande ihm zu helfen. Wie ein Häufchen Elend saß ich in einer Ecke und versuchte die Übelkeit weg zu meditieren.
Noch bevor wir die Bucht erreichten, flaute der Wind ab und das Meer wurde wieder ruhiger. In der Bucht selbst war das Wasser nahezu glatt, das Schaukeln war endgültig vorüber. Der Sonnenuntergang spiegelte sich im Wasser und ich vergaß meinen Schwur das Boot so schnell wie möglich zu verlassen, vergaß die Verwünschungen und das Gefühl hier völlig falsch zu sein.
Es war so friedlich. Keine nächtliche Beleuchtung mehr, keine Securitys die mit Taschenlampen patrouillieren. Nur die Sterne über uns und vereinzelte fluoreszierende Algen, die wie Glühwürmchen im Wasser blitzten.
Als wir uns in unser Bett kuschelten merkte ich doch ein ganz leichtes Schaukeln, fast zu gering um es wahr zu nehmen. Es war nicht unangenehm. Im Gegenteil, sanft wog es uns in den Schlaf.
Es war die beste Nacht, die wir seit unserer Ankunft hatten.
Für die Nicht-Segler:innen:
1 Das Ding was unten am Rumpf befestigt ist und als Gewicht dafür sorgt, dass das Boot aufrecht gehalten wird
2 Boote werden auf Stelzen gestellt, damit man besser im Unterwasserbereich arbeiten kann
3 Vergleichbar mit dem Navi in modernen Autos, nur für Boote eben
4 Die vorderste Spitze des Bootes
5 Der Ort, von dem aus man das Boot steuert




