Fiji begrüßte uns mit schönstem Sonnenschein. Zwei Männer mit Gitarren standen in der Halle mit den Schaltern der Grenzpolizist*innen und sangen willkommenheisende Lieder. Wir waren müde und erschöpft von der langen Reise die, bis auf die Tatsache, dass wir unsere Koffer in Sydney zurück lassen mussten weil wir kein Visum für Australien hatten, relativ unereignisreich verlief.
In der Schlange vor den Schaltern wurde ich ein wenig nervös. Nach dem Check-in in München hatte ich Sorge, man könne uns in Fiji nicht einreisen lassen. Ich scannte die einzelnen Personen hinter den Desks, sah jemand besonders symphatisch aus? Doch meine Überlegungen wurden zunichte gemacht als uns ein Schalter ganz hinten, von den meisten übersehen, zu sich winkte. Wir gaben der Frau alles was wir an Unterlagen hatten, und zu unserer großen Erleichterung gab sie uns im Gegenzug den Stempel in unsere Pässe.
Jetzt nur noch schnell bei der Gepäckausgabe melden, dass wir unsere Koffer vermissen und ab ins Taxi, hin zu Lola.
Die Strecke vom Flughafen zur Marina ist traumhaft schön. Die Vegetation ist satt und grün, ein Regenbogen spannte sich über ein Feld und die Berge im Hintergrund ließen mich unweigerlich meinen Papa herbeisehnen um sie mit ihm zu erklimmen. Ich war sofort verliebt in die Schönheit dieser Landschaft.
In der Marina angekommen händigte man uns den Schlüssel aus. Wir kletterten über eine Leiter an Deck und sahen uns um. Egal wohin wir schauten, das Deck war entstellt von Rostflecken. Das Holz im Cockpit und an den Niedergängen war unterlaufen und der Lack blätterte bereits an einigen Stellen, die Gräting1 war weich und an zwei Stellen gebrochen. Tom sperrte auf und öffnete die Türen des Niedergangs. Schwüle Luft und ein unangenehmer, muffiger Geruch kam uns entgegen. Wir öffneten die Bullaugen um Durchzug zu schaffen. Die hellen Polster der Sitzbänke waren gesprenkelt von Schimmelflecken und ein Haufen Holzkügelchen auf dem Tisch erinnerte uns an die ungewollten Bewohner des Saloons. Die Bilge2 stand bis oben hin voll Wasser und als wir die Elektrik aktivieren wollten passierte rein gar nichts.
Nach einer ersten Inspektion setzten wir uns erschöpft auf die harten Bänke des Cockpits. Keiner sagte ein Wort. Wir fühlten uns niedergeschlagen und enttäuscht. Auf den Bildern sah Lola so hübsch aus, der erste Eindruck dagegen war ein ziemlich herunter gekommener.
Wir hatten uns so sehr gefreut ein Boot gefunden zu haben, dass in einem guten Zustand ist und das wir nicht erst Wochen lang herrichten müssen. Und dann das. Lola sah aus wie ein Projekt. Ein sehr hübsches Projekt, aber eben auch ein großes Projekt.
Die erste Nacht war seltsam. Aufgrund der fehlenden Koffer hatten wir weder Zahnbürste noch Wechselklamotten. Wir fanden zwar Bettbezüge und Kissen doch diese stanken fürchterlich. Ich wollte nicht nackt auf den muffigen Polstern liegen, also trug ich das Shirt, welches ich nun schon seit mehr als 40 Stunden am Leib hatte. Es war unglaublich heiß und obwohl die Bullaugen3 weit offen standen bewegte sich die Luft nicht.
Wir lagen also auf den Polstern, betteten unsere Köpfe auf unsere Arme und achteten penibel genau darauf den Körper des anderen nicht zu berühren. Ich schwitzte und fühlte mich unwohl und hoffte inständig die Nacht würde schnell vorbei gehen.
Der nächste Tag brachte uns neue Energie und neuen Mut. Wir fingen an zu putzen und zu räumen. Stellten das ganze Boot auf den Kopf und nahmen alles auseinander was man auseinandernehmen konnte. Wir fanden eine Wasserspur die, als wir sie verfolgten in der feuchten Dämmung endete, und neue Roststellen im Boot die mindestens behandelt und teilweise auch geschweißt gehören.
Wir fingen an zu entrosten und bestellten neue Batterien. Abends leuchteten wir uns mit Taschenlampen und wuschen unser Geschirr an einem Wasserverteiler vor dem Boot, bevor wir uns erschöpft schlafen legten.
Jeden Tag hofften wir auf den Anruf, dass unsere Koffer endlich angekommen sein aber es dauerte fünf lange Tage bis auch sie Fiji erreichten.
Als der Anruf kam war ich ganz aufgeregt, endlich frische, luftige Klamotten!
„Madam, führen Sie etwas illegales nach Fiji ein oder haben Sie etwas zu verzollen?“ Ich überlegte nur kurz bevor ich die Frage verneinte. „Okay, ich melde mich wieder.“
Es dauerte eine Weile bis der nächste Anruf kam. „Madam, wir haben Alkohol in Ihrem Gepäck gefunden, das ist illegal und muss verzollt werden.“ Ich überlegte. Mist, ich hatte tatsächlich eine kleine Flasche mit Alkohol aus der Apotheke dabei. „Entschuldigung, Sie haben Recht, Sir, aber es sind nur 100ml, das dürfte doch nicht illegal sein.“ „Ich melde mich wieder“, damit war die Leitung wieder tot. Schnell suchte ich im Internet nach der erlaubten Menge, die man unverzollt nach Fiji einführen darf. Meine Suche ergab 2 Liter. Das Handy klingelte. „Madam, Sie haben illegal Alkohol nach Fiji eingeführt.“ „Aber es ist doch nur eine kleine Flasche, es sind doch nur 100ml“, entgegnete ich ein bisschen verzweifelt. „Sie müssen vorbei kommen und die Strafe bezahlen, 400Fjd.“ Ich war fassungslos. „Aber es ist doch nur eine kleine Flasche, weit unter der erlaubten Menge“, probierte ich es nochmal. „Es ist zu spät, Madam.“ Und schon wieder war die Leitung tot. Ich war verwirrt. Als der nächste Anruf kam überlegte ich für eine Millisekunde einfach nicht ran zu gehen. Eine Bullshit-Idee. Ich hob ab, „Ja?“ „Madam was ist in den Glasflaschen?“ Langsam verstand ich. Ein kleiner Stein fiel mir vom Herzen. „Ach das, das ist kein Alkohol, das eine ist ein Gesichtswasser, das andere ist Essig mit ätherischen Ölen.“ „Warum haben Sie das bei sich?“ Ich stutze kurz. „Das eine ist für mein Gesicht, das andere für meine Haare.“ „Aha“, entgegnete er, er würde sich wieder melden. Bei dem nächsten Anruf hatte ich eine Frau am Telefon die mir schon wieder erklärte ich hätte illegal Alkohol eingeführt. Ich schlug ihr vor doch einfach die Flaschen zu öffnen und daran zu riechen. „Warum sind die nicht gelabelt?“, wollte sie wissen. Ich erklärte ihr, dass ich die Sachen selbst gemacht habe und deshalb kein Label drauf ist. Sie erklärte mir, dass ungelabelte Sachen verboten sein. Ich schlug vor, sie solle die Flaschen halt einfach weg schmeißen wenn es nicht anders gehe. Sie antwortete es sei zu spät, ich müsse die Strafe zahlen. Und dann war die Leitung wieder tot. What?! Als ein paar Minuten später wieder das Telefon klingelte war ich relativ genervt. Diesmal war eine mir noch fremde Stimme am Telefon. „Ja?“ Ein Mann stellte sich vor, er sei vom Immigration Department, etwas stimme nicht mit unserer Einreise, wir sollen bitte an den Flughafen kommen. Doch bevor ich richtig begriffen hatte klingelte das Telefon schon wieder. Es sei alles okay, unsere Koffer werden jetzt los geschickt, verkündete der Mann mit dem ich als erstes gesprochen hatte.
Nur eine Stunde später lieferte ein sehr freundlicher Fijianer unsere Koffer direkt zu unserem Boot.
Unsere Koffer, die wir vom Speicher meiner Großeltern hatten, hatten wir mit Folie einpacken lassen damit sie sich auf der Reise nicht auflösen. Meine Folie war zerschnitten, der Koffer fiel fast auseinander. Die Flaschen waren alle noch drinnen. Toms Koffer war noch original in Folie eingewickelt. Vielleicht ganz gut, dass es so rum war denn wer weiß was sie zu Toms Tattoomaschinen und den sterilen Nadeln gesagt hätten die sich in seinem Koffer befanden.
Noch nie hatten wir uns so über frische Kleidung gefreut. Endlich nicht mehr die warme Jogginghose bei 36°C tragen zu müssen war ein wahrer Segen. Die Ankunft unserer Koffer war das erstes Erfolgserlebnis in unserem neuen Leben als Bootsbesitzer.
Für die Nicht-Segler:innen:
1 Nach Definition ein begehbarer Gitterrost. Unser Holzboden im Cockpit ist ein Gräting.
2 Die Innenseite des Rumpfs der unter dem Fußboden liegt
3 Bootsfenster

