Zwei Tage nach Toms Geburtstag sind wir endlich aufgebrochen. Weg von Musket Cove Richtung Norden. Am liebsten wären wir gleich einen Tag nach der Ankunft meiner Mama losgesegelt aber für den Tag war mal wieder kein Wind angesagt. Einen Tag später dagegen sollte er sogar aus Süden blasen. Wir hatten aus dem letzten Mal gelernt, auf keinen Fall wollten wir die ganze Strecke wieder motoren müssen.
Wir nutzten den gewonnen Tag um nochmal einzukaufen und alles für den nächsten Tag vorzubereiten. Und dann, gleich nach dem Aufstehen ging es los. Schon beim Verlassen der Bucht hatten wir Wind um die 13 Knoten. Das war etwas besonderes, meistens stieg der Wind erst nachmittags auf zweistellige Stärke. Wir freuten uns auf einen guten Segeltag. Es war das erste Mal für uns, dass wir den Wind im Rücken hatten. Wir motorten aus der Bucht, doch sobald wir um die Landzunge herum waren wollte Tom auch schon das Vorsegel öffnen. Ich wunderte mich. Jetzt schon? Vor dem Großsegel? Aber naja, Tom weiß es besser als ich, dachte ich. Nachdem die Genua1 offen war mussten wir uns um 180° drehen. Denn um die anderen Segel öffnen zu können, braucht man den Wind von vorne. Das war gar nicht so angenehm. Hier draußen war es wellig und es hatte schon mehr als 15 kn Wind. Die Genua flatterte und behinderte Tom, der vorne am Mast stand und sich um das Großsegel kümmerte während ich das Boot steuerte. Das Steuern verhält sich bei Wind und Welle ganz anders als bei ruhiger See. Normalerweise orientiere ich mich beim Lenken an einer Markierung am Steuerrad, um zu wissen wo die Neutralstellung ist. Doch diesmal geling mir das nicht. Schnell hatte ich den Überblick verloren und übersteuerte heillos. Tom schrie als die Genua um den Mast peitschte. Ich war gestresst und überfordert. Ich fühlte mich so unwohl und wollte das Steuerrad am liebsten an jemand Anderen übergeben, Jemand der weiß was er tut. Jemand der vertraut ist mit dem Segeln. Doch da war niemand an den ich diese Aufgabe hätte abgeben können. Tom kam und drehte uns wieder in den Wind. „So, jetzt steuer so, dass der Wind ganz leicht von Steuerbord2 kommt. Das hält mir das Vorsegel vom Laib.“ Ich schluckte und riss mich zusammen. Panik half jetzt nichts. Da musste ich jetzt durch. Ich konzentrierte mich, tat jede Bewegung mit Bedacht und diesmal klappte es. Als die Segel oben waren und wir uns wieder auf Kurs begaben war ich erleichtert. Vor dem Wind3 zu fahren ist doch sehr viel angenehmer als gegen ihn und die Wellen ankämpfen zu müssen. Das Vorsegel lag nun im Windschatten des Großsegels und flatterte weiterhin nur vor sich hin. „Das bringt nichts“, bemerkte ich. Doch Tom wollte es sich noch nicht eingestehen. „Warten wir noch ein bisschen.“ Also warteten wir noch ein bisschen bis wir dann schlussendlich die Genua doch wieder einholten.
Der Tag war noch jung und wir hatten schon zwei Dinge gelernt:
1. Erst das Großsegel, dann das Vorsegel öffnen
2. Bei einem Vorwindkurs4 bringt es nichts die Genua auf der selben Seite wie das Großsegel offen zu haben
Es war ein wunderschöner Tag, sonnig und warm. Kaum eine Wolke war am Himmel zu sehen. Doch auf den Wellen zu reiten bedeutet auch ein ganz schönes Auf und Ab und so bekam meine Mama, die auf dem Vordeck in der Sonne lag, als Erste eine Sicherheitsweste verpasst. Der Tag verging und obwohl wir gut voran kamen brauchten wir länger als unsere Navigationsapp berechnet hatte. Am Nachmittag nahm der Wind weiter zu und schnell waren es über 20 kn. Wir hatten nun konstant mehr als 7 kn Geschwindigkeit, erreichten in der Spitze sogar die 8 kn. Die Wellen wurden größer und der Wind pfiff uns um die Ohren. „Zum Glück scheint die Sonne. Würde es regnen wäre die Stimmung ziemlich beängstigend“, dachte ich. Respekteinflößend war es auch so alle mal und auch wenn ich mich über den Speed freute hätte ich es mir insgeheim ein bisschen entschleunigter gewünscht.
Nach vielen Stunden auf dem Wasser ragte dann endlich die Insel Waya vor uns auf. In einer Bucht die ganz im Norden lag, wollten wir für diese Nacht ankern. Die Insel war wunderschön. Ihre felsigen Bergspitzen ragten wie eine Krone aus dem satten Grün. Endlich hatten wir es hierhin geschaff! Streng genommen ist Waya die erste Insel der Yasawa-Gruppe und ihr markantes Aussehen hatte schon auf Navadra dafür gesorgt, dass ich sie als unser nächstes Ziel auserkoren habe.
Je näher wir unserem Ziel kamen, desto mehr rückte das Bewusstsein in den Vordergrund, dass wir die Segel ja auch wieder runter holen müssen. Und dafür müssen wir uns erneut in den Wind und gegen die Wellen stellen. Der Wind peitschte inzwischen mit 25 kn und immer wieder erreichten uns Böen mit 30 kn und mehr. Auch die Wellen hatten zugenommen. Am liebsten wäre ich einfach immer weiter gesegelt, bis Wind und Welle einschlafen und wir uns ganz in Ruhe um die Segel kümmern können. Tom ging auf das Deck um alles vorzubereiten. „Bitte pass auf dich auf“, sagte ich, denn die Bewegungen unserer Lola schienen mir nicht ganz ungefährlich. Der Anblick von dem sich festklammernden Tom gefiel mir nicht und ich holte auch uns Sicherheitswesten. Es war ein seltsames Gefühl sie zu tragen, als würde das mit dem Segeln jetzt ernst werden. Wir besprachen das Manöver. Tom wollte uns langsam in den Wind drehen. In der Zeit sollten meine Mama und ich die Segel dicht holen5. Ich das große, sie das kleine. Wir machten uns an den Winschen6 bereit und warteten auf Toms Kommando. Doch als dieses kam gelang es meiner Mama nicht die Leine zu bewegen. Es war nicht ihre Schuld. Die Leine steckte noch in der Sicherung der Winsch und wir hatten nicht darauf geachtet. Es wurde hektisch als Tom sie aus der Sicherung nahm und selbst einholte, während er gleichzeitig steuerte. Sobald wir gegen den Wind anfuhren wurde es wieder ungemütlich. Und dann krachte es so laut und plötzlich, dass ich zusammen zuckte. Was war das?! Es krachte erneut. Die Bugspitze7 tauchte immer wieder in die Wellen und ließ das Wasser spritzen. „Der Anker!“, schrie Tom, „Er ist nicht ganz fest! Mach die Sicherung an und spann die Kette!“ So schnell ich konnte kletterte ich in unseren Saloon und schaltete die Sicherung für die, im Cockpit8 liegenden Schalter der Ankerwinde ein. Zurück oben stellte ich den Hebel auf „up“, doch es tat sich nichts. „Hast du die Sicherung angemacht?“, schrie Tom. Durch das Pfeifen des Windes konnte man ihn kaum verstehen. „Ja!“, schrie ich zurück. Immer noch krachte es. Tom kam und kletterte selber runter. Er schaltete die Sicherung für die Deckschalter ein, rannte wieder vor und betätigte die Schalter am Vorschiff um den Anker fest zu ziehen. Das Krachen verstummte. Erneut machte er sich am Mast zu schaffen. Ich wollte aus dem Cockpit klettern um ihn zu helfen. Doch er wies mich an drinnen zu bleiben. Also stand ich nur da und beobachtete ihn, wie er mal über mir, mal unter mir war und alleine das Segel abließ und dabei faltete. Das erste Mal verspürte ich die reale Angst, er könne über Bord gehen. Doch diese Vorstellung war zu schrecklich und ich kämpfte so gut es ging dagegen an.
Das Manöver dauerte eine gefühlte Ewigkeit und ich war heilfroh als beide Segel unten und Tom wieder sicher bei mir im Cockpit war. Er war ziemlich geschafft und ich sah ihm an, dass auch er Angst gehabt hatte. Ich übernahm das Steuer und wir motorten den Rest der Strecke. Nun war ich entspannter und konnte den Anblick der sich uns bot genießen, trotz konstanten 30 kn Wind. „Das lief doch ganz gut“, sagte meine Mama ganz unerwartet. Wir schauten sie verdutzt an. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Ich war da ganz anderer Meinung. Das Bergen9 der Segel hatte mir wirklich Angst gemacht.
Die Sonne stand kurz vorm Horizont als wir die Bucht erreichten und den Anker warfen. Neben uns lagen noch mehrere andere Boote.
Das Ankerbier war noch nicht offen, da kam auch schon der Kapitän des benachbarten Motorbootes bei uns vorbei. Wir hatten ihn ein paar Tage zuvor in der Bar in Muscet Cove kennen gelernt. Er erzählte uns, dass an diesem Tag nur ein Boot die Bucht verlassen wollte und dieses sei schon kurz darauf wieder zurück gekommen. Die Bedingungen waren ihnen wohl zu ungemütlich gewesen.
Als wir am nächsten Morgen aufstanden, waren alle Boote verschwunden und wir ganz allein in der großen Bucht.
Anmerkung:
Diese Tagesreise von Musket Cove nach Waya war für uns in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Es war das erste Mal, dass wir eine so lange Strecke gesegelt sind. Es war auch das erste Mal, dass wir beim Segeln so viel Wind und Welle hatten. Und es war das erste Mal, dass wir den Wind von hinten hatten.
Das Gebiet in dem wir uns bis dato bewegt hatten ist wirklich sehr geschützt und zu der Zeit hatte es auch kaum Wind. Die meiste Zeit sind wir eigentlich motort und wenn wir mal gesegelt sind, hatten wir nie mehr als 15 kn Wind und quasi keine Welle. Jede*r die/der auch nur ein bisschen Ahnung vom Segeln hat wird beim Lesen dieses Textes den Kopf schütteln. Aber wir hatten damals einfach wirklich überhaupt keine Ahnung. Toms Segelerfahrung reduzierte sich auf zwei, drei kurze Törns auf dem Bodensee welche viele Jahre zurück liegen. Und ich? Naja, ich war noch nie segeln bevor wir uns unser eigenes Boot gekauft haben. Ich hatte zwar kurz versucht mir im Vorhinein zumindest das grundlegendste Wissen über Youtube anzueignen, doch habe schon nach wenigen Videos wieder aufgegeben weil ich kein Wort des Gesagten verstanden habe. Bei dem Gefasel von Schoten, Fallen, fieren usw. hätten die in den Videos auch Chinesisch sprechen können, ich hätte genau so viel verstanden.
Jetzt, mit ein bisschen Abstand und ein bisschen mehr Erfahrung wundere ich mich über uns selbst. Wieso haben wir die Segel sowohl in unangenehmen Bedingungen gehisst, als auch in total unangenehmen Bedingungen wieder geborgen? Wir hätten in beiden Fällen die Möglichkeit gehabt uns in windgeschützten Gebieten um die Segel zu kümmern. Auch, dass wir die Genua nicht gleich wieder eingeholt haben als wir merkten, dass sie beim Großsegel setzten total störend, ja sogar gefährlich ist, ist mir im Nachinein ein Rätsel. Zudem wissen wir heute, dass es gar nicht nötig ist sich wirklich direkt in den Wind zu stellen. 30° etwa reichen wenn man den Baum etwas rauslässt. Und nicht zuletzt, dass wir zwar endlich mal unsere Rettungswesten rausgekramt haben aber nicht die Karabiner, mit denen man sich beim Verlassen des Cockpits sichern kann. Außerdem hat Tom sich tatsächlich die Mühe gemacht das Großsegel noch ordentlich auf dem Baum zu falten, während er ungesichert auf dem Vordeck war. Mal abgesehen davon, dass wir heute nicht mehr auf die Idee gekommen wären zu diesem Zeitpunkt die Segel zu bergen, wenn man ein solches Manöver in solchen Bedingungen machen muss schaut man, dass man so schnell wie möglich fertig wird. Scheiß auf sauber gefaltete Segel! Hauptsache der Lappen ist unten!
Das Bergen der Segel hat damals Spuren bei mir hinterlassen. Ich hatte regelrecht Angst die Bucht wieder zu verlassen. Wäre Tom über Bord gegangen, keine Ahnung wie ich es angestellt hätte ihn wieder aus dem Wasser zu holen. Über solche Szenarien hatten wir bis dahin noch gar nicht nachgedacht und ich war Meilen weit entfernt davon gewesen das Boot unter Kontrolle zu haben. Ein Schrecken der maximal einfach durch das Sich-sichern vermieden hätte werden können.
Ich glaube heute sagen zu können, dass wir anfangs viel Glück gehabt haben. Wir hatten immer sorgsame Schutzengel dabei und weder uns, noch dem Boot ist unsere Unwissenheit zu Schaden gekommen. Doch wie subjektiv die Wahrnehmung des Erlebten ist, zeigt die Reaktion meiner Mama. So schlimm, wie es sich für mich angefühlt hat kann es also auch nicht gewesen sein. (;
Für die Nicht-Segler*innen:
1 Vorsegel
2 Wenn man auf dem Boot nach vorne schaut rechts
3/4 Wenn der Wind von hinten kommt
5 Wenn man die Segel wieder näher oder zurück auf die Mittelschiffsachse bringt
6 Eine Seilwinde über die man die Leinen der Segel führt
7 Die vorderste Spitze des Bootes
8 Der Aufenthaltsort an Deck, von dem man das Boot aus steuert
9 Das Runterholen der Segel





