Wir zogen uns unsere Neoprenanzüge über und packten Flossen, Schnorchel, Brillen und Bleigewichte in das Dinghy1. Von dem Ankerplatz aus war es nur ein kurzer Ritt zu unserem Ziel: eine flache Passage zwischen zwei Inseln. Viel zu flach um sie mit unserem Segelboot zu durchqueren, mit dem Beiboot dagegen ist es kein Problem. Wir haben gehört, dass man hier gut schnorcheln kann und mit etwas Glück hat man die Chance sogar einem Mantarochen zu begegnen.
Wir durchquerten die Passage, banden mir die Leine des Dinghys um die Hüfte und ließen uns ins Wasser gleiten. Sogleich erfasste uns die Strömung. Eine solche Strömung hatte ich noch nie erlebt, sie riss uns regelrecht mit sich. Wir kämpften nicht dagegen an, ließen uns treiben. Nur etwa zwei Meter trennte die Wasseroberfläche von den darunter liegenden Korallen.
Ein tiefer Atemzug ein, dann wieder aus. Noch einmal ein, halten und abtauchen. Der Anblick der sich uns bot ist kaum in Worte zu fassen, Korallen so weit man schauen kann. Kein Stein, kein Sand war zu erkennen. Es war eine geschlossene Decke. Die Passage sah aus wie ein unterirdischer Raum dessen Boden über und über mit Teppichen bedeckt ist.
Unzählige Fische tummelten sich hier. Große und kleine, gestreift oder gemustert, schillernd, leuchtend, einfarbig, zweifarbig, dreifarbig. Mit großen Körpern und kleinen Flossen und anders herum. Einzelgänger und Schwärme mit hunderten, ja vielleicht sogar tausenden Individuen. Manche Schwärme sahen selbst aus wie ein Strom, dessen Anfang und Ende sich in den Weiten des Blau verlor.
Ich war total fasziniert. Wenn mir die Luft ausging beeilte ich mich an der Oberfläche neuen Sauerstoff zu tanken, um so schnell wie möglich wieder hinab zu können. Ich wollte keinen Zentimeter verpassen. Ich flog über die Korallen, schwebte über diese versunkene Blumenwiese. Wenn ich einen besonders schönen Fisch oder eine besonders schöne Koralle sah, versuchte ich mit kräftigen Flossenschlägen gegen den Sog anzukommen. Wollte kurz verweilen und das Wunder genauer betrachten. Doch die Strömung zog mich unbarmherzig mit sich. Gegen sie hatte ich keine Chance.
Viel zu schnell waren wir auf der anderen Seite angekommen. Auf einmal brachen die Korallen ab. An der Kante ging es steil hinunter und schnell konnte man den Boden unter sich nicht mehr ausmachen. Tom wollte sich gerne noch weiter treiben lassen, noch etwas länger tauchen. Doch so wohl ich mich in dem Korallenwald gefühlt hatte, so schnell wuchs hier mein Unbehagen. Ein leises Gefühl von Panik machte sich in mir breit und bevor es Überhand nehmen konnte, kletterte ich zurück ins Dinghy.
Wir fuhren erneut auf die andere Seite um das Erlebte zu wiederholen. Im Pass waren wir alleine gewesen aber auf der anderen Seite tummelten sich die Boote. Lokale Guides mit einem Haufen weißer Touristen auf Manta Jagd.
„Da hinten ist ein Hai!“, rief Tom überraschend. Ich blickte in die Richtung in die er zeigte und tatsächlich konnte ich etwas großes, schwarzes an der Oberfläche erkennen. Immer wieder tauchte es in dem sich kräuselndem und schäumenden Wasser auf. „Ist das echt ein Hai?“, fragte ich. Ich war ein bisschen wie erstarrt. Es war eine bizarre Situation, auch die anderen Boote hatten das schwarze Etwas im Wasser entdeckt. Alle starrten gespannt auf die Stelle wo man es immer noch deutlich vernehmen konnte, doch keiner rührte sich. Also tatsächlich ein Hai? Dann tauchte es ab und nicht wieder auf. Nun wurde es hektisch. Die Fijis scheuchten ihre Touris ins Wasser, die einer nach dem anderen ungelenk vom Boot hüpften.
Alle wollten dem Tier hinterher, es noch erwischen bevor es im Blau verloren geht. Wir blieben im Dinghy, der Tumult fühlte sich nicht richtig an. Lieber liesen wir uns erneut durch den Pass treiben. Wir wiederholten das Prozedere ein paar mal. Sich mit der Strömung durch den Pass ziehen lassen, mit dem Dinghy zurück auf die andere Seite und wieder ab ins Wasser. Einen Rochen haben wir dabei nicht entdeckt.
Mit jedem Mal wurden es weniger Boote. Langsam kehrte wieder Ruhe ein. Zuletzt waren es nur noch wir und ein Boot des nahegelegenen Hotels. Der Fahrer des Bootes steuerte auf uns zu. „Habt ihr schon Mantas gesehen?“, wollte er wissen. Wir schüttelten den Kopf. „Dann kommt zu uns rüber! Wir nehmen euch mit!“ Unschlüssig schauten wir uns an, doch dann kletterten wir auf das andere Boot und machten unser Dinghy an ihnen fest. Ein Fiji steuerte, der Andere hielt nach den Tieren Ausschau.
Er musste etwas entdeckt haben, denn er gab dem Fahrer ein Zeichen, welcher das Boot stoppte. „Kommt, ab ins Wasser!“ Der Guide schwamm voraus, die Hotelgäste und wir folgten ihm. Es war ein seltsames Gefühl in einer solchen Gruppe unterwegs zu sein. Wir fühlten uns deplatziert und wussten wieder, dass das nicht unsere Art des Tourismus ist. Eine ganze Weile schwommen wir so durch das Wasser und ich glaubte schon nicht mehr daran noch einen Manta zu sehen, als sich in der Ferne ein schwarzer Fleck abzeichnete. Das Wasser war tief und bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich ein wenig unwohl gefühlt. Doch sobald ich das Tier in der Ferne ausmachen konnte, legte sich in mir ein Schalter um. Wie hypnothesiert zog es mich zu ihm hin. Ohne darüber nachzudenken beschleunigten sich meine Flossenschläge. Tom und ich waren die einzigen mit Free-Dive-Ausrüstung und so ließen wir den Rest der Gruppe schnell hinter uns und erreichten als Erste das Tier.
Der Manta war gigantisch groß. Seine Flossen sahen aus wie riesige Flügel. Sanft bewegten sie sich Auf unf Ab und ließen ihn elegant durch das Wasser gleiten. Ein paar Putzerfische schwammen um ihn, bedacht darauf immer in seiner schützenden Nähe zu bleiben. Vollkommen friedlich ließ auch er sich treiben. Unsere Anwesenheit schien ihn nicht sonderlich zu interessieren. Dann machte er einen Bogen und schwamm direkt auf mich zu, sein großes Maul war weit geöffnet. Mein Oberkörper hätte darin locker Platz gefunden. Ich verharrte im Wasser, ließ ihn auf mich zu kommen.
Kurz vor mir tauchte er wieder ab. Ich spürte mein Herz wild in meiner Brust pochen, dieser Moment war magisch. Ich vergaß alles um mich herum. Vergaß die Menschengruppe die irgendwo hinter mir sein musste, vergaß wo ich war, vergaß meine Angst und mein Unbehagen im tiefen Wasser. Es gab nur mich und den Manta und das Wasser um uns herum. Eine ganze Zeit schwamm ich mit ihm bis die Gruppe uns einholte. Auf einmal waren die Menschen überall, die Magie war vorbei. Es dauerte nicht lange, dann war der Manta im Blau des Meeres verschwunden.
Am nächsten Tag kamen wir wieder. Diesmal gleich am Morgen. Der Pass war noch leer, für die Touristenboote war es noch zu früh. Meine Mama war am Vortag nicht mit dabei gewesen und ich wollte ihr unbedingt diesen fast unwirklich anscheinenden Ort zeigen, der mir so viel gegeben hat. Es war Low-Tide und der Abstand zwischen Wasseroberfläche zu Korallen diesmal deutlich geringer. Wie am Vortag durchquerten wir den Pass mit dem Dinghy. Auf der anderen Seite ließ Tom uns raus, er sollte uns nacher wieder einsammeln. Es war nur ein kurzes Stück von der Stelle, bei der wir das Dinghy verlassen hatten, zu dem Beginn des Korallengartens. Doch irgendwie schienen wir ihm nicht näher zu kommen. Im Gegenteil, immer weiter entfernten wir uns von ihm. Wir hatten nicht bedacht, dass sich mit dem Tidenwechsel auch die Strömung dreht. Anstatt uns in den Pass rein zu ziehen, zog es uns davon weg.
Es dauerte eine Weile bis Tom, der schon wieder auf der anderen Seite war, mein Winken sah und zu uns kam. Er nahm meine Mama entgegen, doch ich beschloss noch kurz im Wasser zu bleiben. Inzwischen war das Boot von gestern Abend auch wieder da.
Auf gut Glück schwamm ich in die Richtung, in die der Boden wieder abflachte und tatsächlich hatte ich Glück. Auf dem sandigen Boden wuchs ein einzelner, großer, runder Korallenkopf, mehrere Meter im Durchmesser und über ihm schwamm ein Rochen. Mit geöffnetem Maul gleitete er über die Korallen und ließ sich von der Strömung das Futter in den Schlund treiben. Genau wie gestern war ich in einer anderen Welt sobald ich ihn entdeckte. Ich schwamm nicht so nah ran wie am Vortag. Ich wollte ihn nicht bedrängen, nur zusehen wie er grasend immer wieder seine Kreise zog. Der Anblick ließ mich vollkommen ruihg werden. Ein Gefühl von, ich kann es nicht anders beschreiben, Frieden machte sich in mir breit. Ich war ganz da. Im Hier und Jetzt. Ein Zustand den ich so noch in keiner Meditation erreicht habe. Dieses Exemplar war nicht ganz schwarz, sein Bauch war weiß und es ließ ihn irgendwie älter aussehen. Ich verspürte Demut gegenüber diesem wunderschönen Geschöpf, dass optisch rein gar nichts mit uns Menschen gemein hat. Als stamme es von einem anderen Planeten.
Leider dauerte es nicht lange und der Guide hatte uns entdeckt. Genau wie am Vortag endete dieser magische Moment damit, dass sich um mich auf einmal noch zehn andere Menschen tummelten.
Ich beschloss zurück zum Dinghy zu schwimmen. Ich hatte meinen Moment gehabt.
Damit meine Mama endlich auch noch auf ihre Kosten kommt, beschlossen wir nun unser Vorhaben gemeinsam in die Tat umzusetzten und gemäß der aktuellen Umstände, uns diesmal von der anderen Seite aus durch den Pass treiben zu lassen. Meine Mama hielt sich im Wasser am Dinghy fest, welches durch eine verknotete Leine wieder mit mir verbunden war. Tom tauchte frei neben uns her. Die Strömung war diesmal nicht ganz so stark, was uns erlaubte das Wunder viel länger zu erleben. Wieder sahen wir unzählige von Fischen in allen Farben und Größen und ich entdeckte einige, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Es war ein bisschen wie durch ein Aquarium zu tauchen, nur viel größer und wilder. Auf der anderen Seite angekommen waren wir uns alle drei einig, dass es sich absolut gelohnt hat noch einmal zu kommen.
So schön dieser Ort auch war, die touristische Erschlossenheit hat einen bitteren Beigeschmack hinterlassen. Auf der einen Seite diese ruhigen, friedfertigen Tiere und auf der anderen Seite die Hektik und der Tumult der Boote und der Menschen mit all ihren Erwartungen und Ansprüchen. Tom meinte, das sei ja fast wie im Zoo und auch wir waren ein Teil davon. Es ist ein doppelseitiges Schwert, denn durch die Touristen ist der Ort auch aus wirtschaftlicher Sicht schützenswert. So ist es in und um den Pass zum Beispiel streng verboten zu fischen. Und durch den Tourismus liegt es im Interesse der Locals den Ort so zu erhalten, dass die Mantas wieder kommen. Und dennoch werden die Tiere dort natürlich gestört durch die Motorboote und die ganzen Menschen. Tom und mir hat diese Erfahrung auf jeden Fall wieder gezeigt was wir nicht wollen und zwar: da zu sein wo auch alle Anderen sind. Lieber möchten wir die Orte erkunden, für die keine Prospekte werben. Und dennoch sind wir uns einig, hätten wir diesen Ort nicht besucht, hätten wir definitiv was verpasst.
Für die Nicht-Segler:innen:
1 Kleines Beiboot welches man nutzt um vom Segelboot zum Land zu kommen




