Auf einer einsamen Insel

Wir hatten eine unschöne Nacht hinter uns. Das Riff, welches große Teile Fijis vom Pazifik abschirmt, läuft genau auf der Höhe unserer Ankerbucht aus. Uns wurde schon berichtet, dass die Yasawas1 rollig2 sind, doch dass es so unangenehm wird hatte ich mir nicht vorstellen können. Es fühlte sich an wie die Sturmnacht in Musket Cove, nur ohne den Sturm. Wir waren froh als sie vorbei war.
Doch schon gleich nach dem Aufstehen wurden wir entschädigt. Der Anblick der vor uns liegenden, unbewohnten Insel war wunderschön. Im Wasser zogen zwei Haie ihre Kreise um unser Boot. Ich juchzte vor Aufregung, noch nie hatte ich Haie in freier Wildbahn gesehen und bis zu dem Moment hätte ich behauptet, darauf auch nicht besonders scharf zu sein. Doch jetzt freute ich mich und rief schnell Tom herbei. Sie waren etwa ein und halb Meter lang und ihre aufragenden Flossen waren schwarz gefärbt. Um sie herum schwirrten mehrere Putzerfische. Tom war genauso aufgeregt wie ich und er war mutig. Er holte seinen Schnorchel und die Brille und stieg über die Leiter ins Wasser. Die Haie wirkten neugierig, wie sie immer wieder unser Boot umkreisten und zum Glück auch ein wenig schreckhaft. Als Tom ins Wasser tauchte entfernten sie sich ein paar Meter und kundschafteten uns aus sicherer Distanz weiter aus. Nach einiger Überwindung traute ich mich zumindest auf die Bootsleiter, war aber schon zu spät um die beiden aus der Nähe betrachten zu können.

Wir versuchten an Land zu kommen, doch die Insel ist von einem Riff mit unzähligen Korallen umgeben und während Niedrigwasser hatten wir keine Chance sie mit unserem Dinghy3 zu erreichen. Also blieb uns nichts anderes übrig als wieder zurück auf unser schaukelndes Boot zu fahren und zu warten, bis die Flut den Wasserstand wieder erhöht. Das Anlanden war auch etwas, was ich mir irgendwie unkomplizierter vorgestellt habe. Als wir es am Nachmittag noch einmal versuchten war der Wasserstand hoch genug, so dass wir das Dinghy sicher an Land bugsieren konnten ohne ihm und den Korallen Schaden zu zufügen. Die Insel sah paradiesisch aus, heller Sand gesäumt von Palmen. Dazu der große Fels, der über einen schmalen Sandstreifen zu erreichen war. Wir spazierten umher und fanden schwarze Kügelchen die aussahen wie Schafs- oder Ziegenkot.
Wir gelangten in einen Mangowald. Der Boden war übersät mit den Kernen der letzten Saison. Teilweise waren sie gekeimt und kleine, grüne Stängel ragten gen Himmel. Es sah nicht so aus, als würde jemand kommen um die reifen Mangos zu gegebener Zeit zu ernten. Doch leider waren die Früchte im Moment noch klein und grün und weit davon entfernt für uns essbar zu sein. Schade.

Zwischen den Bäumen ragten kleine Hügel aus Gestein hervor und wir erklimmten einen von ihnen, um uns von oben einen Überblick zu verschaffen. Auch hier fanden wir wieder diese vertrauten, schwarzen Kugeln. Ob es hier tatsächlich wilde Ziegen gibt? Dann müsste es hier auch irgendwo eine Quelle geben! Als wir da oben saßen und den Ausblick auf die Insel, die Bucht und unsere Lola genossen flog ein Flughund an uns vorbei. Das war das erste mal, das ich eins dieser sonderbaren Geschöpfe tagsüber sah. Mein erster Kontakt mit ihnen war in der Marina gewesen. Eines Abends sind wir an einem großen Baum vorbei gekommen, aus dem wir lautes Geschrei hörten. Es klang, als säßen streitende Affen in ihm. Wir versuchten in der Dunkelheit die Quelle der Laute zu bestimmen, doch konnten nur große Schatten ausmachen die von Ast zu Ast sprangen. Wir waren irritiert, denn im Dunkeln dachten wir wirklich Affen in dem Baum zu erkennen. Auf einmal breitete einer von ihnen seine Flügel aus und flog davon. Da waren wir vollends irritiert. Später ergoogelten wir uns, um welche Tiere es sich wohl gehandelt hat. Seitdem habe ich immer mal wieder nachts einen am Himmel erblicken können aber nie tagsüber. Er sah beeindruckend aus. Wie ein Rabe mit den Flügeln einer Fledermaus. Sehr schick.

Am Strand sammelten wir Kokosnüsse, die uns die nächsten Tage als Snack dienen sollten. Als wir zurück zu unserem Dinghy kamen trafen wir auf ein Pärchen. Ihnen gehört das Boot, welches am Vortag mit uns angekommen ist. Mit ihnen waren wir inzwischen die einzigen in der Bucht. Die anderen Boote waren schon am Morgen nicht mehr da gewesen. Auch das Pärchen erzählte uns, dass sie gleich wieder aufbrechen wollen. Die nächste Insel im Norden sei nur zwei Stunden entfernt und habe einen gut geschützten Ankerplatz. So eine Nacht brauchen sie nicht nochmal. Ich konnte sie gut verstehen und dennoch beschlossen wir noch nicht wieder aufzubrechen.

Unser Handy hatte kein Empfang und damit auch kein Internet. Und obwohl wir gedacht hatten eh nicht viel Zeit am Handy zu verbringen merkten wir, wie gut dieses unfreiwillige Digital-Detox uns tat. Abends saßen wir an Deck, beobachteten den Sonnenuntergang und Tom zeigte mir ein paar Akkorde auf der Gittare.
Die zweite Nacht war keineswegs besser. Wir testeten, ob wir im Cockpit4 besser schlafen würden als in unserem Bett. Doch da die Welle von der Seite kam, war ich nun durchgängig damit bemüht nicht von der schmalen Bank zu rollen. Irgendwann gab ich es auf und zog alleine wieder ins Bett.

Auch am zweiten Morgen begrüßten uns die zwei Haie. Mir gefiel ihre Anwesenheit und trotzdem wollte ich an diesem Ort lieber nicht um unser Boot schwimmen gehen. Tom dagegen versuchte immer wieder mit der Unterwasserkamera ein paar gute Aufnahmen von den zwei zu machen. Doch die hatten mehr Angst vor ihm als andersrum und kamen nicht so nahe wie Tom es gerne gehabt hätte.

Nachdem wir aufgrund von Niedrigwasser wieder nicht zur Insel gelangten, beide aber unbedingt eine Pause von dem Geschaukel an Bord brauchten, beschlossen wir schnorcheln zu gehen. Wir fuhren mit dem Dinghy zu der anderen Seite der Insel, banden es mir um die Hüfte und tauchten in das klare Wasser. Eine ganze Zeit genoss ich das Schwimmen und den Anblick der Korallen und Fische. Aber dann musste ich daran denken, dass es auf dieser Seite der Insel wohl noch viel mehr Haie gibt. Das Pärchen von gestern hatte jedenfalls morgens nicht nur zwei, sondern gleich acht Haie um ihrem Boot gehabt. Von ein auf den anderen Moment überkam mich Panik. Ich wusste, dass diese Gefühle übertrieben waren. Ich hatte unser Beiboot gleich über mir, ich passe nicht in das Beuteschema der, wirklich nicht sonderlich großen Riffhaie. Ich befand mich im ziemlich flachen Gewässer. Doch all diese rationalen Zusprüche halfen nichts mehr, ich musste raus aus dem Wasser. Ich kletterte ins Dinghy und schämte mich so von meinen Gefühlen überwältigt worden zu sein. Ich kannte mich nicht mit Haien aus. Meine Ängste waren geprägt von den Bestien aus Hollywoodfilmen und blanker Unwissenheit. Natürlich weiß ich, dass diese Filme total überzogen sind, dass die Wahrscheinlichkeit von einem Hai getötet zu werden unglaublich gering ist und dass wir Menschen im Vergleich zum Hai die wahren Bestien sind. Doch da bleibt diese Urangst vor der Gefahr des Meeres, mit dem ich noch nicht viel in meinem Leben zu tun gehabt habe.

Tom hatte als Kind eine Zeit lang mit seiner Mutter und seiner Schwester in der Türkei gelebt. Als kleiner Junge hat er viel am Strand gespielt und manchmal haben ihn die Fischer mitgenommen, wenn sie in ihren kleinen Booten raus zum Angeln fuhren. Sind die Erfahrungen seiner Kindheit der Grund, warum er so eine andere Beziehung zu dem Meer hat als ich? Während ich im Dinghy saß und auf Tom wartete beschloss ich, dass ich daran etwas ändern wollte. Denn während Tom noch im Wasser war, saß ich hier nur dumm rum. Meine Ängste machten mich unfrei und das gefiel mir gar nicht. Und da man vor allem vor den Dingen Angst hat die man nicht kennt, nahm ich mir fest vor mich schlau zu machen und mehr über Haie in Erfahrung zu bringen.

Abends überlegten wir, wie es weiter gehen soll. Obwohl die Insel wunderschön ist, die Nächte zwingen einen bald wieder den Anker zu lichten. Es war sehr verlockend einfach zur nächsten Insel auf zu brechen. Ihre Konturen waren bergig und felsig und ziemlich sexy. Doch etwas sprach dagegen. In unserem Cockpit ist ein Durchgang zum Motorraum eingelassen. Die Bleche, auf denen die Abdeckung sitzt sind völlig verrostet und stellenweise weg gebrochen. Und auch der Boden um die Abdeckung hat mehrere undichte Stellen. Auf der Überfahrt von Musket Cove hierher ist ziemlich viel Salzwasser von unserem Cockpit in den Motorraum gelaufen. Das alleine ist schon suboptimal aber zusätzlich hat sich gerade jetzt auch noch unsere Bilgen-Pumpe, die in einem solchen Fall das Wasser wieder aus dem Schiff raus pumpen soll, verabschiedet.

Seit wir entschieden haben, dass wir dringend eine Pause brauchen und ein bisschen Urlaub machen wollen ist noch nicht viel Zeit vergangen. Die Tage, die wir davon tatsächlich Urlaub gemacht haben reduzieren sich auf ein Wochenende. Aber es hilft ja nichts. Wir können nicht weiter in den Norden segeln wenn dabei Salzwasser in unseren Motorraum und auf unseren Motor läuft. Die noch offenen Baustellen sind einfach zu groß. Wir müssen also zurück zum Festland. Zum Glück haben wir einen Schweißer kennen gelernt, der uns versprochen hat die Abdeckung für wenig Geld wieder in Stand zu setzen.

Am nächsten Morgen brachen wir auf und verließen die Yasawas nach nur drei Nächten wieder.

Für die Nicht-Segler:innen:

1 Inselgruppe im Nordwesten von Fiji
2 Laut Wikipedia bezeichnet „Rollen“ die Bewegung eines Wasser-, Luft- oder Raumfahrzeugs um seine Längsache. Vereinfacht: das Boot schwankt in den Wellen hin und her. Ziemlich nervig
3 Beiboot
4 Der Aufenthaltsort an Deck, von dem man das Boot aus steuert