Mir war es wichtig die Erfahrung einer Nachtfahrt noch vor der ersten richtigen Überfahrt zu machen. Wir beschlossen also ein Mal im Kreis zu fahren. Von Savusavu Richtung Süden bis zu Koro Island, einmal um sie herum und wieder zurück. Eine Strecke von bisschen mehr als 90 Seemeilen (~167km).
Die Vorhersage sah gut aus. 15kn (~28km/h) Wind mit maximal 1-2m Welle.
Doch der Start in dieses Abenteuer war nicht unbelastet. Nur wenige Stunden zuvor war eine Frau neben unserem Boot ertrunken. Keine 150 Meter entfernt, während wir auf dem Deck einen Ölwechsel an unserer Ankerwinde1 vornahmen.
Nach diesem Ereignis wussten wir erst nicht ob wir überhaupt aufbrechen sollten. Doch es war die letzte Chance diese Erfahrung zu machen, bevor wir Fidschi verlassen müssen.
Also brachen wir auf. Es war ein grauer, bewölkter Tag. Die Sonne stand schon tief als wir das geschützte Land verließen und uns auf offeneres Gewässer begaben. Das Meer war rau und der Wind bließ nicht mit den versprochenen 15kn, sondern mit über 25kn (~46km/h). Die Wellen waren steil und kamen kurz hintereinander. Wassermassen von wohl eher drei Meter Höhe türmten sich neben uns auf. Lola konnte sich nicht entscheiden ob sie zur Seite oder nach vorne kippen sollte und so tat sie beides, manchmal gleichzeitig.
Es war extrem unkomfortabel. Die Wellen schlugen über unser Deck und spritzen in unser Cockpit. Eine Welle riss eine unserer Lufthutzen2 mit sich. „Unser tolles Boot fällt auseinander“, grinste Tom. Ich konnte darüber nicht lachen. Tom wurde seekrank und ich bekam es mit der Angst zu tun. Er kotzte, ich weinte.
Wir fuhren auf eine schwarze Wand zu. Es sah aus als würden wir genau auf ein Gewitter zu steuern. Doch laut Wetterbericht war die wahrscheinlichkeit für ein Gewitter gleich Null gewesen. Worauf hatte ich mich hier eingelassen? Und wenn Tom ausfallen sollte, was dann? Ich kann das doch noch nicht alleine…
Wir überlegten die Fahrt abzubrechen. Sollten wir nicht einfach wieder umdrehen und zurück zu unserem sicheren Ankerplatz fahren?
Doch hätten wir diese Fahrt abgebrochen, ich glaube nicht, dass ich mich als nächstes auf eine mehrtägige Überfahrt getraut hätte. Ich beschloss das jetzt durch zu ziehen und versuchte nicht an die Frau zu denken, die ohne schwimmen zu können ins Meer gegangen und ertrunken ist. Ich bin auf einem Segelboot ohne segeln zu können.
Angst ist ein großes Wort und oft habe ich es all zu leichtmütig benutzt. Doch als die Sonne hinter dem Horizont verschwand verspürte ich es, Angst. Nicht die Art von Angst, die ich vor Prüfungen verspürt habe, oder vor unangenehmen Gesprächen mit den Eltern. Nein, was ich in dem Moment spürte war eine so tiefe und existenzielle Angst, wie ich sie zuvor noch nie empfunden hatte.
Ich hatte Angst davor, gleich im Stockdunkeln dem Meer und seinen Kräften ausgeliefert zu sein, ohne zu sehen was auf einen zu kommt, ohne die Macht zu haben dem Meer etwas entgegen zu setzen und ohne mich aus dieser Situation flüchten zu können.
Doch anstatt in Schwärze zu versinken erhellte der Mond den Himmel. Obwohl er nur halbvoll und hinter Wolken versteckt war, ließ sein silbriges Licht unsere Umgebung gut erkennen.
Tom legte sich schlafen. Wir hatten beschlossen diese erste Nacht beide im Cockpit zu verbringen, damit man gleich da ist, sollte der andere einen brauchen. Während er sich in seine Decke mummelte behielt ich die Instrumente im Blick. Auf dem AIS3 sah ich das Kreuzfahrtschiff, welches erst diesen Morgen in Savusavu angekommen ist. Es war schon wieder auf dem Weg nach Lautoka. Nur war nun mindestens eine Person weniger an Bord. Ob die andere Frau, die die überlebt hat, wohl wieder auf diesem Schiff ist?
Wir hatten im Lautoka Frachthafen einmal die Ankunft eines Kreuzfahrtschiffes erlebt. Es war mehr als seltsam sich vor zu stellen, dass nach dieser Tragödie einfach alles so weiter geht wie zu vor. Die Touristen werden aus dem Schiff strömen wo die Fidschis schon mit ihren Ständen und Bussen, ihren Plakaten und Souvenirs auf sie warten um ein Geschäft zu machen. Manche werden sich Guides nehmen für Tagesausflüge zu Wasserfällen oder Schlammpools. Andere werden die Stadt stürmen und durch ihre schiere Vielzahl den dortigen Markt verstopfen. Ob die Menschen an diesem Abend wohl benachrichtigt werden, dass eine von ihnen gestorben ist? Oder werden sie es verschweigen um keine Unruhen auszulösen? Würde es denn überhaupt jemanden auffallen wenn ein oder zwei Personen fehlen?
Immer noch legten uns vereinzelte Wellen auf die Seite. Wenn das passierte, griff ich nach Toms Bein und hielt mich instinktiv daran fest. Doch es wurde weniger.
Unser Durchhaltevermögen zahlte sich aus. Nach wenigen Stunden flaute der Wind auf die vorhergesagten 15kn ab und die See beruhigte sich. Der Wind und das Wasser waren immer noch laut, doch es klang nicht mehr so bedrohlich. Unsere Positionslichter ließen die Gischt grün und rot leuchten und auf einmal gab es nichts mehr außer mich auf diesem Boot, dem ich mein Leben anvertraue, den Mann neben mir den ich liebe und das Wasser um uns herum, welches mir einen Weg in unbekannte Länder bietet. Vereinzelt lichteten sich die Wolken und liesen erahnen, welch gigantischer Sternenhimel sich hinter ihnen verbirgt.
Wir hatten keine festen Schichten vereinbart. Ich hielt vier Stunden Wache bevor ich müde wurde und Tom weckte. Erstaunlich schnell schlief ich ein. Normalerweise war ich diejenige, die anfällig für Seekrankheit war, doch in dieser Nacht ging es mir gut. Tom hielt ganze fünf Stunden Wache bevor ich wieder übernehmen sollte.
Obwohl es noch zwei Stunden vor Sonnenaufgang war, hellte sich der Himmel zunehmend auf. Der Wind ließ ein weiteres mal nach und so tuckerten wir ganz gemütlich gen Norden. Die morgendliche Stimmung auf dem Wasser ist wunderschön und so friedlich. Die Farben des Himmels, noch in sanften orange und rosa Tönen gehalten, spiegelten sich auf dem hellblauen Wasser welches sich nahezu glatt um uns ausbreitete. Das Licht war noch nicht grell, sondern weich und warm. Vogelschmärme kreisten nahe der Wasseroberfläche und ließen auf Fischschwärme schließen. Für die Frühaufsteher unter den Tieren war es Zeit für die erste Mahlzeit.
Die Reise war nun langsamer und auch meine Gedanken kamen zur Ruhe. Ich genoss den Augenblick und war dankbar, dass ich diese Erfahrung machen darf. Was für ein großes Glück ich nur habe…
Obwohl wir besser schlafen konnten als wir erwartet hatten, war die Nacht nicht wirklich erholsam gewesen. Als wir wieder in Savusavu ankamen, fühlte ich mich wie nach einer durchgemachten Partynacht. Es würde also ein Katertag werden. Ein ruhiger Tag, an dem wir das nachholen konnten, was wir den Abend zuvor verpasst hatten. Denn, wie wir fest stellen mussten, ist es auf einer solchen Fahrt eine wahre Herausforderung sich um sich und die kleinen alltäglichen Dinge, zu kümmern. So wurden am Vorabend weder Haare gekämmt noch Zähne geputzt, noch gekocht. Unser Abendessen bestand aus Breakfast Crackern, die wir zusammen mit dem Boot gekauft haben und deren einziger Nährwert der ist, dass man mit ihnen etwas im Magen hat.
Ich bin froh, dass wir diesen Trip gemacht haben. Er hat mich gleich in mehreren Dingen bereichert. Er hat mir gezeigt, dass man nur Durchhaltevermögen braucht wenn es gerade scheiße ist, weil es danach immer wieder besser wird. Außerdem haben wir weiter Vertrauen in die Stabilität und die Sicherheit unseres Bootes gefasst. Und jetzt fühle ich mich ein bisschen mehr bereit für den nächsten Schritt und dieser führt runter von Fidschi und über den Pazifik.
Anmerkung
Die schwarze Wand, die ich erwähnte und die wir noch nicht richtig einordnen konnten gehörte zu einem Squall. Das sind kleine, lokale Gewitterzellen welche für die Tropen ganz typisch sind. Diese können von den globalen Wettermodellen in der Regel nicht erfasst werden, weil sie einfach zu klein sind für das große Gitternetz der Modelle. So kommt es eben vor, dass der Wetterbericht schönstes Wetter verspricht und man sich dennoch gegenüber einem solchen Teil wiederfindet. Das gute an ihnen, auch wenn sie kurz ganz schön unangenehm werden können, ziehen sie doch relativ schnell über einen hinweg.
Warum die Wellen am Anfang unserer Fahrt gar so fies waren kann ich im Nachhinein nicht mehr richtig rekonstruieren. Vielleicht hatten wir die Gezeitenströmung gegenläufig zum Wind, was Wellen weiter aufbauen lässt. Auch hier hat uns noch das nötige Wissen gefehlt, einzelne Faktoren seperat zu betrachten und haben zu sehr blind irgendwelchen Vorhersagen vertraut. Ich denke die selben Wellen wären für uns inzwischen zwar immer noch äußerst unangenehm, jedoch kein Grund zur Sorge mehr.



- Die Ankerwinde zieht auf Knopfdruck unsere sau schwere Kette samt Anker hoch und ist damit ein äußerst wichtiges Bauteil ↩︎
- Zwangsbelüftungs-Dinger. Sehen bisschen aus wie große Schnorchel. (Einen sieht man auf der rechten Seite des Beitragbilds) ↩︎
- Automatic Identification System, damit werden uns auf der digitalen Seekarte umliegende Boote angezeigt ↩︎

