Drei Tage vor unserer ersten Überfahrt ertrank eine chinesische Touristin neben uns im Meer. Sie war keine 150m von uns entfernt als sie um ihr Leben rang und trotzdem hatten wir sie weder gehört, noch gesehen.
Tom und ich saßen auf dem Vordeck und nahem einen Ölwechsel an unserer Ankerwinde vor. Es war noch früher Vormittag, denn wir hatten ein straffes Programm. In drei Tagen würden wir Fidschi verlassen und nach Futuna segeln. Und auch wenn es für den Pazifik eine unwahrscheinlich kleine Distanz zwischen zwei Ländern ist, würden wir dennoch zwei Nächte auf dem Wasser verbringen. Nachdem wir diese Erfahrung noch nie zuvor gemacht hatten, wollte ich unbedingt noch eine Nachtfahrt in die zwei letzten, uns verbleibenden Tage quetschen. Wir würden am Nachmittag los und einfach einmal um eine nahegelegene Insel segeln. Das musste als Erfahrung reichen.
Der Ölwechsel dauerte länger als erwartet. Die Handpumpe beförderte die fast schon zähe, dunkle Flüssigkeit nur tröpfchenweise und das Ganze ergab eine ziemliche Sauerei. Als ich auf Toilette musste ließ ich Tom alleine. Ich wusch mir gerade die Hände als er aufgeregt ins Cockpit gestürmt kam. „Gib mir den Schlüssel“, rief er und die Dringlichkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Welchen Schlüssel?“, fragte ich nach, doch da hatte er sich schon die Sicherung des Dinghies1 geschnappt und stürmte davon. „Was ist denn los?“, ich rannte ihm hinterher. „Ich glaube da ertrinkt gerade jemand“, sagte er noch, dann hatte er auch schon die Leinen gelöst und brauste davon. Etwas atemlos stand ich an Deck. Ich sah zwei Fidschis in Kanus paddeln. Sie waren schnell, so schnell es ihre Arme zuließen, doch gegen unseren Außenborder kamen sie nicht an. Tom überholte sie und verschwand schon gleich darauf aus meinem Blickfeld, hinter das nächstgelegene Boot.
Einer der Fidschis wendete sein Kanu und paddelte nun wieder Richtung Strand. Ich konnte eine kleine Menschenmenge ausmachen, in ihrer Mitte leuchtete etwas orange.
Um mehr erkennen zu können holte ich das Fernglas. Auf dem dunklen Sand lag eine Frau in orangener Rettungsweste. Ein paar Fidschis standen um sie herum, ein paar knieten neben ihr. Einer drückte mit beiden Händen auf ihre Brust, es sah aus als würde er versuchen sie wieder zu beleben.
Ich schaute mit dem Fernglas raus, Richtung unseres Nachbarbootes. Unser Dinghy tauchte wieder auf. In ihm saß Tom und eine zweite Person. Auch sie in orangener Schwimmweste, welche einen starken Kontrast zu ihrem weißen Gesicht schaffte. Ihr ganzer Oberkörper war zusammengesackt und der Kopf hing schwer nach unten. Sie sah gebrochen aus. Am Strand kniete inzwischen niemand mehr neben der Frau. „Wo bleibt denn der verdammte Krankenwagen?“, fragte ich mich. Doch es kam kein Krankenwagen. Stattdessen fuhr ein weißer Pickup vor. Einer der Männer schulterte die Frau und trug sie zur Straße hoch. Schlaff hing sie auf seinem Rücken, ihre Beine baumelten seltsam mit den Bewegungen ihres Trägers mit. Sie wurde in das Auto geladen, dann fuhr dieses davon.
In der Zwischenzeit hatte auch Tom das Ufer erreicht. Jemand watete ihm entgegen und strecke die Hand nach der Person in unserem Beiboot aus. Diese ergriff die Hand und kletterte an Land. Man legte ihr eine Decke um und schloss sie in den Arm.
Auf dem Weg zurück zu Lola wurde Tom von der Polizei gestoppt, ein Schnellboot mit drei Männern darauf. Ich konnte nicht verstehen was sie sprachen aber abwechselnd zeigten sie auf den Strand und in die Richtung in die Tom vorhin verschwunden war. Dann nickten die Männer sich zu. Die Polizisten steuerten auf den Strand zu und Tom kam wieder an Bord. „Die zweite Frau, sie hat es nicht geschafft“, sagte er mit belegter Stimme. Ich schloss ihn in meine Arme.
Er hatte nicht die Frau selbst gesehen, die er gerettet hat, nur die Fidschis in ihren Kanus und die kleine Menschentraube am Strand. Er hatte eins und eins zusammen gezählt und erkannt, dass jemand Hilfe benötigte. Ich hingegen hatte sie gesehen. Wir hatten gemeinsam auf dem Vordeck gesessen als sie an unserem Boot vorbei getrieben ist. Ich hatte sie jedoch für einen ambitionierten Schwimmer in orangenem Badeanzug gehalten. Ich glaube sie hat nicht geschrien, zumindest habe ich sie nicht gehört und auch ihre Armbewegungen haben mich nicht erkennen lassen, in welcher Situation sie sich befunden hatte. Eine Frau in Rettungsweste, die von der Strömung umbarmherzig immer weiter aufs Meer gezogen wurde. Die beiden Chinesinnen waren erst wenige Stunden zuvor mit dem Kreuzfahrtschiff angekommen. Was war passiert, dass der Tag schon kurze Zeit später einen so dramatischen Lauf genommen hatte? Wir saßen lange schweigend im Cockpit und hingen unseren Gedanken nach bevor Tom wieder seine Stimme fand. „Sollen wir den Ölwechsel weiter machen?“, ich nickte.
Ein paar mal sah ich zu dem jetzt leeren Strand hinüber. Wie hatte das passieren können? Wie hatte die Frau trotz Rettungsweste ertrinken können? Und das so nahe am Strand? Wie hatten wir nichts davon mitbekommen können?
Das dies vermutlich einer der trostlosesten Schnorchelplätze in ganz Fidschi ist, ließ mir das Ganze noch unnötiger erscheinen.
Sollten wir jetzt noch rausfahren, auf eine erste Nachtfahrt? Irgendwie fühlte es sich nicht richtig an. Eigentlich zog es uns gerade eher in die nächste Bar auf ein Bier, oder zwei.
Auf der anderen Seite hatte mir dieser tragische Unfall wieder deutlich vor Augen geführt, wie gefährlich das Meer sein kann und wie töricht es ist, sich ohne die nötigen Fähigkeiten in seine Hände zu begeben.
Der nächste Tag
Als wir am nächsten Morgen wieder kamen, dauerte es nicht lange bis erneut das Polizeiboot auf uns zusteuerte. Es fuhr ganz dicht heran und mit unserer Erlaubnis kletterte ein feingliedriger Mann in Hemd und Rock auf unser Deck. Er stellte sich als Detektiv vor und wollte Toms Aussage aufnehmen. Doch wir hatten fast genauso viele Fragen an ihn wie er an uns.
Wie ging es der Überlebenden? War sie wieder auf dem Schiff? Wie waren die Frauen an den Strand gekommen und von wem hatten sie die Westen bekommen?
Wie überall bauen die Locals Stände für die Passagiere des Kreuzfahrtschiffes auf und versuchen ihnen Touren oder Souveniers anzudrehen. Die zwei Freundinnen hatten wohl bei einem lokalen Guide eine Tour gebucht, einem äußert schlechtem Guide, bedenke man seine Strandauswahl. Die beiden konnten nicht schwimmen, deshalb die Westen. Doch wie genau es zu dem Unfall gekommen war, konnte uns der Polizist nicht sagen. Ein Mitarbeiter des Hotels, welches an diesem Strand lag, hatte Schreie gehört und war sofort losgerannt. Doch er war zu spät gekommen, als er die Frau aus dem Wasser gezogen hatte, war diese bereits tot gewesen. Die zweite Frau, die die Tom eingesammelt und ans Land gebracht hatte, wurde ins Krankenhaus gebracht. Der Polizist hatte sie dort am Vortag besucht und mit ihr gesprochen. Wo sie jetzt ist und wie es ihr geht wusste er nicht. „Aber wenn sie die Tour bei einem Guide gebucht hatten, wo war dieser als es geschah?“, wollte ich wissen. „Ja, wo war der Guide?“, murmelte der Detektiv mehr zu sich selber, er schien es nicht zu wissen.
Tom unterschrieb die Aussage, dann verabschiedete sich der Mann wieder. Im wegfahren winkte er uns und wir winkten zurück. Ein freundlicher Mann, mit einer, für fidschi-Verhältnisse, ungewöhnlich feinen Statur. Er hatte eine zuvorkommende, fast schüchternde Art. Schwer vorzustellen, dass dieser Mann als Detectiv auch Verbrecher vernimmt.
Immer wieder schaute ich die Tage im Internet ob eine der Fiji Zeitungen über den Vorfall berichtet hat. Doch erst eine Woche später fand ich auf einer der Facebook Seiten eine kurze Mitteilung darüber, dass eine Touristin in Savusavu ertrunken sei. Die Leiche werde obduziert um die Todesursache mit Sicherheit fest stellen zu können. Mehr stand da nicht. Was aus der Frau geworden ist, die Tom aus dem Wasser gezogen hat, wissen wir nicht. Und vermutlich werden wir es auch nicht mehr erfahren.
Am Anfang unserer Reise hat mir die Rauheit, Wildheit und unbändige Kraft des Meeres Angst bereitet. Inzwischen jedoch durfte ich auch andere Seiten kennenlernen. Durfte seine Schönheit sehen und seine Sanftheit spüren. Ich habe viel gelernt, über das Wasser und über mich und konnte meine Angst nach und nach ein wenig loslassen. Was nicht heißt, dass sie ganz verschwunden ist.
Und trotzdem hat dieser Vorfall nicht meine Angst geschürt, sondern mir meinen Respekt bewusster gemacht. Ich hoffe, dass mir dieser Respekt dazu verhilft nicht selber einmal in eine solch verheerende Situation zu kommen. Wobei man dies natürlich in Frage stellen kann, wenn sich jemand wie ich, mit solch kläglicher Segelerfahrung auf den Ozean wagt.
- Beiboot mit welchem wir vom Boot ans Land fahren können ↩︎

