Lichtstrahlen fallen durch das Wasser

Sisyphus und der Berg der Bürokratie

Manchmal werden die Dinge erst einmal schlechter, bevor sie besser werden. Ob man bei der fijianischen Bürokratie von einer Erstverschlimmerung sprechen kann weiß ich nicht, denn ob das integrieren der Digitalisierung die Sache tatsächlich langfristig vereinfacht oder nicht eher verkompliziert wird sich erst noch zeigen. So oder so ist es sicher noch ein langer Weg und als wir unsere Aufenthaltsgenehmigungen verlängern lassen wollten, hat Fiji gerade seine ersten Schritte gemacht.
Bei Einreise in Fiji bekommt man als deutscher Staatsbürger automatisch und kostenlos die Genehmigung, vier Monate im Land zu bleiben. Vor Ablauf der Zeit kann man diese um weitere zwei Monate verlängern, sodass man auf eine Gesamtlänge von einem halben Jahr Aufenthalt kommt. Will man länger bleiben gibt es zwar passende Visa, die werden aber teuer weshalb unser Plan war, die sechs Monate voll auszureizen um anschließend über Tonga nach Neuseeland zu segeln.

Wir waren noch in den Yasawas1 unterwegs gewesen, als wir das erste mal die Webseite besuchten, auf welcher man sich um seine Immigration Angelegenheiten kümmern kann. Zum Glück geht heute ja alles online! Doch bereits das aller erste Pflichtfeld hatte uns wieder ausgebremst. Es wurde nach unserer Visum-Nummer gefragt. Ich kontrollierte die Stempel in unseren Pässen, doch da war keine Nummer, lediglich das Einreisedatum. Und strenggenommen hatten wir ja auch noch gar kein Visum sondern lediglich die Aufenthaltsgenehmigung. Wir haben einfach die Stempel in die Pässe bekommen, das war’s. Ich fragte den Chat-Bot der Seite, was zu tun sei, doch dieser riet mir nur eine E-Mail an eins der Immigration Departments zu senden. Mit unterschiedlichen Formulierungen versuchte ich ihm doch noch eine Antwort zu entlocken, doch das Resultat blieb das gleiche. Dieser Bot hat seinen Job noch nicht ganz verstanden.
Na gut, wir waren ja zum Glück früh genug dran. Nachdem wir schon in der Vergangenheit erfolglos versucht hatten per E-Mail Kontakt mit der Behörde aufzunehmen, probierte ich es telefonisch. Doch nach einem automatisch abgespielten Band war die Leitung tot. Das selbe erfuhr ich beim nächsten, beim übernachsten und bei allen weiteren Büros des Immigrationdepartmens. Dann also doch per Mail. Um die Chancen einer Antwort zu erhöhen, schrieb ich die selbe Mail an alle sechs Standorte.

Es vergingen zwei Wochen, natürlich ohne eine Antwort seitens der Behörden, dann fing ich erneut an täglich in den verschiedenen Büros anzurufen. Nach ein paar Tagen war ich auf diesem Wege erfolgreich, doch die Beamtin musste mich enttäuschen. Die benötigten Nummern gebe es zwar, sie könne sie mir aber nicht sagen. Das gehe nur, wenn wir persönlich in einem Büro vorbei kommen. Da ändere auch nichts die Tatsache daran, dass wir uns im Moment weit weg von jeglichem Department befanden.
Das war ärgerlich, denn immer noch war meine Mama zu Besuch und der Plan war eigentlich der, in den zwei und halb gemeinsamen Wochen die Yasawas zu erkunden. Wir hatten noch vier Wochen, bis unsere Aufenthaltsgenehmigungen abliefen. Würde es reichen, erst in einer Woche zurück zum Festland zu kommen um uns dann darum zu kümmern? Wir fragten in einer Chat Gruppe nach Erfahrungsberichten von anderen SeglerInnen. Wie lange hat der ganze Verlängerungsprozess bei ihnen gedauert? „Man sollte mindestens einen Monat vorher den Antrag losschicken, besser zwei!“, war leider die gängige Meinung.

Der Tag den wir für die Rückreise ausgewählt hatten war ein denkbar schlechter Segeltag. Der Wind blies uns sanft entgegen und wir motorten durchgehend, bevor wir abends mit vollen Batterien und einem vollen Frischwassertank2 ankamen. Am nächsten Tag besuchten wir das Immigration Department in Lautoka. Die Nummern zu bekommen war einfach. Die Dame am Schalter tippte unsere Passdaten in ihren Computer und schrieb dann die benötigten Nummern neben die Stempel.
Abends setzten wir uns erneut hin um die Anträge zu bearbeiten. Einen Schritt kamen wir weiter, doch schon auf der nächsten Seite blieben wir erneut hängen. Dort gab es eine Liste mit beizufügenden Dokumenten, unter anderem wurde eine zertifizierte Reisepasskopie gefordert. Verifiziert und gestempelt von einer juristischen Person, einem Anwalt oder einem JP.
Also fuhren wir tags drauf wieder in die Stadt. Wir wollten einen Anwalt aufsuchen, dessen Schild mit einer Abbildung der Justitia und der fetten Schrift „Barrister“ mir schon des öfteren ins Auge gestochen ist. Vielleicht bin ich alleine damit aber mich hat es unglaublich amüsiert, dass „Barrister“ klingt wie die Berufsbezeichnung professioneller Kaffeekocher. (Ich oute mich hiermit als großer Fan flacher Wortwitze.)

Die Tür zu dem Büro des Anwalts war verglast. Noch bevor wir eintraten sahen wir ein kleines Desk, hinter dem eine Frau gelangweilt in die Luft starrte. Daneben stand ein großer Schreibtisch, hinter ihm ein junger Mann im Anzug, den Kopf auf dem Tisch gebettet. Offenbar schlief er. Vor dem Tisch saß ein älterer Mann, zurückgelehnt in einem bequem aussehenden Bürostuhl, seine Beine ruhten auf dem Schreibtisch neben dem Kopf des Schlafenden.
Es schien uns angebracht zu klopfen bevor wir die Tür öffneten, eintraten und drei bitterböse Blicke ernteten. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf und erklärte unser Anliegen. Doch die Männer schüttelten den Kopf. Sie als Anwälte verlangen eine Gebühr über 70$ für jeden Stempel den sie auf irgendein Dokument setzen, besser wir gehen zu einem JP, da sei es kostenlos.
Auf die Frage wo wir denn einen JP finden können wurde uns geraten in das Fotostudio nahe der Markthalle zu gehen, die würden das wissen.

JP steht für Justice of the peace, also Friedensrichter. Das ist eine ehrenamtliche Tätigkeit die ausgewählte Leute dazu befugt Urkunden, Dokumente etc. zu beglaubigen. Jps helfen einem aber auch bei Verwaltungsverfahren wie Passanträgen und in ländlichen Gegenden, wo nicht immer ein Richter oder Anwalt verfügbar ist, können sie auch mal kleinere Geldstrafen oder Verwarnungen verhängen oder einfache gerichtliche Anordnungen erteilen. Dafür muss man kein Jurist sein, wichtiger ist es einen guten Ruf in der Gemeinde zu haben. Viele JPs in Fiji sind pensionierte BeamtInnen, LehrerInnen, Dorfälteste oder Kirchenoberhäupter.

Okay, und so einen brauchten wir also für unsere Visaanträge.
In dem Fotostudio ließen wir uns für ein paar Cent unsere Pässe kopieren und fragten nach dem JP.
Fast hätte ich erwartet, dass die Mitarbeiterinnen ihn nun aus einem ihrer kleinen Kämmerchen zaubern würden, doch die verwiesen uns nur auf den Markt. Irgendwo da sollten wir fündig werden.
Tatsächlich war er schnell auszumachen. In einer Ecke des Obst- und Gemüsemarktes stand ein kleiner Tisch, hinter dem ein älterer Mann in Schreibunterlagen vertieft war.
„Bula3!“ Wir setzten uns auf die Bank. Der Mann schaute hoch und strahlte, „Bula! Welcome to Fiji!“
„Bula! Thank you!“, wir gaben ihm die Kopien unserer Pässe und er setzte seinen Stempel darauf. Dann holte er ein Büchlein hervor in dem er akribisch das Datum und die Daten aus unseren Reisepässen eintrug. In das letzte Feld mit meinen Daten schrieb er „Hillenmeyer“, in Toms „Bad Tölz“. Daneben sollten wir unterschreiben, dann warfen wir einen Schein in die Spendenbox und gingen wieder.

Abends scannten wir alle benötigten Dokumente mit dem Tablet, formatierten sie, komprimierten sie und fühlten uns dann ziemlich gut vorbereitet. Nun nur noch schnell das Formular ausfüllen und dann ist dieses Thema auch erst mal wieder erledigt, dachten wir.
Doch so einfach sollte es dann doch nicht werden. Das Formular bestand aus mehreren Seiten durch die man sich klicken musste und der Server der Webseite war nur schwer zu erreichen. Immer wieder gab es einen Time-Out-Altert, von einem zum nächsten Schritt zu kommen brauchte es mindestens 20 Minuten. Und obwohl ich hatte angeben können Crew eines Segelbootes zu sein, gab es unzählige Pflichtfelder die nach der Adresse des Hotels, der Ticketnummer des Rückreisefluges oder dem Schreiben einer Organisation fragten. Um nicht wieder ins stagnieren zu geraten wurde ich kreativ und füllte die Felder mit anderen Informationen von denen ich dachte, dass das die BeamtInnen interessieren könnte.
Leider übertreibe ich nicht wenn ich behaupte, für die Anträge gleich mehrere Stunden gebraucht zu haben. Der scheinbar letzte Schritt bestand daraus, die auf der Liste geforderten Dokumente hochzuladen. Eine Meldung informierte mich darüber, dass dieser Prozess ein paar Minuten dauern könne, man solle die Seite in der Zeit weder neu laden noch verlassen. In der Handyversion der Webseite war diese abgeschnitten. Für das Passfoto sah ich noch den Vortschrittsbalken, der Rest war nicht zu sehen. Testweise scrollte ich runter doch da war nur noch Grau. Ich scrollte wieder hoch, die Seite lud neu. Ich fluchte innerlich. Nun war ich wieder auf der Startseite. Neben dem Formular stand nun eine Vorgangsnummer. Ich wiederholte das Ganze für Toms Antrag und es passierte erneut. Ungewollt lud die Seite neu und ich gelang auf die Startseite, auf der der Vorgang zwar nun auftauchte aber auch nicht einsichtig war. Ich konnte also nicht überprüfen, ob alle Dokumente eingegangen sind. Inzwischen war es mitten in der Nacht. Tom schlief schon lange neben mir.

Am nächsten Morgen rief ich wieder in dem Immigration Department an, in dem ich das letzte Mal erfolgreich gewesen war und zu meiner Überraschung bekam ich auch diesmal jemanden an den Hörer. Ich gab der Dame am Telefon unsere Vorgangsnummern und bat sie zu überprüfen, ob alle beigefügten Dokumente bei ihnen eingegangen sein. Drei mal wurde ich weiter gereicht bis mir eine freundliche Frau verkündete, dass sowohl bei Tom als auch bei mir lediglich die Passfotos vorliegen.
Also setzte ich mich wieder vor den Computer. Eigentlich hätte es ganz schnell gehen können, kurz durch die Seiten klicken bis zu der, wo man schlussendlich die Dokumente hochladen soll. Doch wie am Vorabend war es fast unmöglich den Server zu erreichen und so verbrachte ich den halben Tag vor dem Computer und klickte nach jeder „Time-Out“-Meldung so oft auf „weiter“ bis es tatsächlich weiter ging. Dafür lief das Hochladen verhältnismäßig reibungslos. Und so sah ich, dass es noch einen weiteren Schritt gab. Nun wurde ich nämlich zur Zahlung weiter geleitet. Doch hier holte mich das altbekannte Problem wieder ein und irgendwann gab ich resigniert auf. Willkommen in der Welt der digitalisierten Bürokratie! Das muss noch schön gewesen sein, als man einfach mit seinem Pass in ein Büro gelaufen ist, ein Formular ausgefüllt und in Bar bezahlt hat um dann seinen Stempel zu bekommen. Dieser ganze Prozess kostete mich absurd viel Zeit.

Am Tag darauf setzte ich mich abermals vor den Computer mit der festen Absicht, das Prozedere endlich zu einem Ende zu bringen. Doch es ploppte nur eine Meldung auf, wegen Wartungsarbeiten sei die Webseite die nächsten zwei Tage nicht zu erreichen. Ich bezweifelte, dass zwei Tage genügen würden, doch nach dieser Zwangspause klappte es zumindest mit der Bezahlung. Als ich die Mail erhielt, dass man unsere Anträge prüfen werde fühlte ich mich wie Sissyphus der endlich auf dem Gipfel angekommen war.
Nur vier Tage später bekamen wir erneut eine Mail. Unseren Anträgen wurde statt gegeben, wir sollen in das nächst gelegene Office kommen um uns unsere Stempel zu holen.
Der kleine Raum war gerammelt voll. Ein Aufsteller stand in einer Ecke, auf ihm waren Abbildungen verschiedener Pässe mit den jeweiligen Preisen zu sehen. Ein verlorener Pass war teurer als eine Erstbeantragung und so weiter. Als wir zu einem der Schalter gewunken wurden sahen wir den Grund des Ansturms. Auf der Rückseite des Büros stand eine Kiste voller babyblauer Reisepässe. Der Regierung waren nämlich zwischenzeitlich die Blankobücher ausgegangen. Schon seit nun mehr fünf Monaten durften nur noch Pässe an Leute ausgegeben werden, die einen dringenden Reisegrund, wie zum Beispiel medizinische Notfälle oder Arbeitsaufenthalte vorweisen konnten. Alle die aus privaten Gründen verreisen wollten hatten Pech gehabt. Vor einem Monat dann war es den Fijis nicht mal mehr möglich gewesen Anträge für neue Pässe einzureichen, um die Systeme nicht zu überlasten. Als Europäerin kann ich mir gar nicht vorstellen, aus solchen Gründen im eigenen Land eingesperrt zu sein.
Doch nun ist endlich eine neue Charge, der in Deutschland produzierten Blankopässe, eingetroffen und das Department hatte dementsprechend viel zu tun. Wir gaben unsere Pässe zum Stempeln ab, mussten aber lange warten bevor wir sie wieder bekamen.
Als wir sie endlich wieder in den Händen hielten, fühlten wir uns erleichtert. Sicherheitshalber überprüften wir die Stempel in den Pässen bevor wir den Raum verließen. Ich stöhnte, bitte nicht… Die neuen Daten stimmten nicht. Aber das konnte ja nur ein Fehler sein.

Tom hatte statt der zwei Monate lediglich einen Monat verlängert bekommen, ich gerade mal zwei Wochen. Wir gingen zurück an den Schalter und gaben der Dame die Pässe zurück. Sie nahm sie und versprach uns die Daten noch einmal zu prüfen. Als sie wieder kam erklärte sie uns das Problem sei, dass wir keine Rückflugtickets vorweisen könnten. Deshalb habe man uns nicht die ganzen zwei Monate gewährt. Wir wiederum erklärten ihr, dass wir mit dem Boot ausreisen werden und alle dazu vorhandenen Papiere eingereicht hätten. Sie verschwand wieder. Als sie erneut zurück kam meinte sie es lege daran, dass ich keine Bankauskunft hochgeladen habe. Wir versicherten ihr, dass ich das sehr wohl getan habe. Wieder verschwand sie. Als sie diesmal wieder kam sagte sie uns, das Datum in unseren Pässen sei unser eigenes Wunschdatum gewesen. Das konnte doch nicht wahr sein. „Ich verstehe nicht…“. Mit freundlicher Stimme erklärte sie, man hätte ein Abreisedatum angeben müssen und da habe ich die Daten angegeben, die wir nun in unseren Pässen haben. „Nein, das kann nicht sein“, ich schüttelte den Kopf. Ich erinnerte mich an das Feld in dem man das geplante Abreisedatum angeben musste und ich war mir zu einhundert Prozent sicher, dass ich genau den Tag angegeben hatte, an dem die insgesamt sechs Monate vorbei sein würden. Wir holten unser Handy hervor, ich rief die Seite auf und zeigte ihr das Formular und das Feld in dem nach dem Abreisedatum gefragt wurde. Mitleidig lächelte sie mich an, „ja, aber darunter wird nach dem Aufenthalt in Tagen gefragt. Da hast du 31 Tage angegeben und die hast du bekommen.“ Ich bekam einen dicken Klos im Hals. Sie hatte Recht, ich erinnerte mich wie ich überleg hatte was mit dieser Formulierung gemeint war, wollten sie die sechs Monate in Tagen haben? Oder nur die zwei Monate Verlängerung? Oder die Tage seit Antragstellung? Ich erinnerte mich wie ich an dieser Stelle schon müde im Bett gelegen hatte, Tom schlafend an mich gekuschelt. Und ich erinnerte mich, wie ich 31 Tage eingetragen hatte. Jetzt im Nachhinein war es mir ein Rätsel wie ich auf 31 Tage gekommen bin. Welchen Knoten musste ich in meinem Hirn gehabt haben um so einen dummen Fehler zu machen?! Aber trotzdem, warum stellten sie nicht standardmäßig die zwei Monate aus? Immerhin zahlt man einen fixen Preis. Außerdem hatte ich ein geplantes Abreisedatum angegeben, welches länger als 31 Tage in der Zukunft lag. Welchen Sinn sollte es haben die Verlängerung für eine kürzere Zeitspanne zu beantragen als man vorhat zu bleiben? Hätte es da nicht Rückfragen geben sollen? Für solche hatte ich ja immerhin meine Telefonnummer angeben müssen.
Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte, letztendlich hatte ich einen Fehler gemacht und die Quittung dafür bekommen. Mir wurde heiß und ich merkte, dass ich ganz schnell raus musste aus diesem stickigen, überfüllten Raum. Ich brauchte Luft zum atmen. „Okay, danke“, versuchte ich zu lächeln. Dann drehte ich mich um und ging. Sobald die Tür hinter mir zu viel, stiegen die Tränen in mir hoch und als Tom mich in die Arme nahm, brachte es das Fass zum Überlaufen. Ich fing an zu weinen. So viel Zeit, Geduld und Nerven hatte ich in diesen Scheiß gesteckt und jetzt muss ich noch einmal ganz von vorne anfangen.

Das Datum, an welchem wir Fiji verlassen müssen ist auf einmal in ganz greifbare Nähe gerutscht.
Als wir noch überlegt haben, ob wir wirklich für dieses Boot nach Fiji fliegen sollen, war das größte Gegenargument gewesen: Fiji liegt mitten im Pazifik. Um nicht zu sagen, am Arsch der Welt. Wenn wir dort ein Boot kaufen, müssen wir es auch irgendwie von dort weg bringen und wir haben keine Ahnung vom Segeln. Dieses Argument lag klar auf der Hand und brachten natürlich auch meine Eltern hervor. Doch da hatten wir uns schon in Lola und die Idee verliebt. Um die Familie und uns selbst zu beruhigen hatten wir gesagt, dass wir ja ein halbes Jahr Zeit haben werden um Segeln zu lernen, bevor wir raus auf den großen Ozean müssen. Doch nun war das Ende unseres Aufenthalts plötzlich sehr absehbar und unsere Segelerfahrung beschränkte sich auf lediglich eine handvoll kleinerer Törns. Mal ganz abgesehen davon, dass unser Boot noch nicht die Sicherheitsanforderungen für eine größere Überfahrt erfüllte. Die EPIRB war seit über fünf Jahren abgelaufen und damit nutzlos, im AIS war eine falsche MMSI einprogrammiert, wir hatten keine Möglichkeit auf dem Wasser Wetterdaten zu beziehen und so weiter… Außerdem geht am laufenden Band etwas neues kaputt während das Geld auf unseren Konten schrumpft und schrumpft. Und nun müssen wir den Preis für die Verlängerung auch noch zwei mal bezahlen. Wegen einem echt dummen, kleinen Fehler meinerseits.

Immernoch hielt Tom mich im Arm und ich wusste, dass er ganz genau nachempfinden konnte was ich in dem Moment fühlte. Dass auch er manchmal überwältigt ist von dem Gefühl, dass einem alles über den Kopf wächst.

Zwei Tage vergingen ohne, dass ich mich mit dem Visa-Thema auseinandersetzte. Doch es ließ mir einfach keine Ruhe. Ich war mir ganz sicher, bei Tom exakt das selbe eingetragen zu haben wie bei mir. Warum hatte er dann einen Monat bekommen und ich nur zwei Wochen?
Über das einzig telefonisch erreichbare Immigration Department ließ ich mir eine inoffizielle Telefonnummer aus dem Hauptdepartment in der Hauptstadt Suva geben.
Wenn ich noch etwas erreichen konnte, dann dort. Wieder wurde ich mehrmals weitergereicht bis ich die passende Person am Hörer hatte. Der Mann ließ sich die Visanummern durchgeben und versprach mir, mein Anliegen zu Prüfen. Und tatsächlich, bei meinem Datum handelte es sich um einen Fehler. Auch ich hätte einen Monat Verlängerung bekommen sollen. Ich versuchte ihn dazu zu überreden mir, wenn das Datum eh schon geändert wird, doch gleich die zwei Monate zu gewähren. Doch er blockte ab. Der Vorgang sei geschlossen, daran sei nichts mehr zu machen. Wir sollen doch einfach das nächstgrößere Visum beantragen. Dieses sei für sechs Monate gültig und koste auch „nur“ 650$ pro Person. Doch so lange wollten wir ja gar nicht mehr bleiben, auch weil in vier Monaten die Zyklonsaison beginnt. Stattdessen werden wir noch einmal die zweimonatige Verlängerung für einen weiteren Monat beantragen, so wie es uns in Lautoka geraten wurde. Doch da musste mich der Mann enttäuschen, die Information stimmt leider nicht. Eine Verlängerung könne nur ein mal beantragt werden. Er werde aber in dem Department anrufen um anzukündigen, dass ich noch einmal für einen neuen Stempel vorbei kommen werde.

Das kam unerwartet und hat unsere Pläne völlig auf den Kopf gestellt. Es wurde Zeit für neue Überlegungen, denn nun war klar, in fünf Wochen müssen wir raus aus Fiji. Neuseeland fiel damit flach. All die WeltumseglerInnen die wir getroffen haben meinten, dass sei die anspruchsvollste und gefährlichste Strecke ihrer Reise gewesen. Also noch nichts für uns. Tonga wäre schön, denn da beginnt demnächst die Saison, in der man vermehrt Wale beobachten kann. Doch Tonga liegt im Südosten, um da hinzukommen braucht man ein gutes Wetterfenster und wir werden keine Zeit haben auf ein solches zu warten. Inmitten unserer Überlegungen bekamen wir einen guten Tipp. Eine andere Option wäre nach Wallis und Futuna zu segeln. Das französische Überseegebiet, von dem wir beide zuvor noch nie gehört hatten, liegt nördlich von Fiji und ist in nur zwei Nächten zu erreichen.
Es ist ein Schlupfloch das wohl viele SeglerInnen nutzen um länger in Fiji bleiben zu können. Die Ein- und Ausreise ist unkompliziert und nach dem Papierkram segelt man einfach wieder zurück nach Fiji und bekommt erneut die vier Monate. Dies erschien uns als die beste Option.

Als ich noch ein letztes mal das Immigration Büro betrat war der Mann hinterm Schalter relativ erstaunt. Es habe keinen Anruf aus Suva gegeben. Er holte sein Handy hervor und telefonierte. „Bis wann möchtest du dein Visum verlängert haben?“, fragte er mich, nachdem er aufgelegt hatte. Ich nannte ihm das selbe Datum, wie es auch bei Tom im Pass steht. Er nickte und verschwand. „Mist“, sagte ich, „da hätte ich jetzt sicher auch ein späteres Datum nennen können.“ Aber das hätte ja auch nichts gebracht, wenn nur ich länger bleiben darf. Als der Mann wieder kam hatte ich einen neuen Stempel mit neuem Datum. Er holte ein großes Buch hervor, schlug eine neue Seite auf, schrieb ein paar Begriffe, zog Linien mit einem Lineal und trug dann meine Daten ein. In der letzten Spalte sollte ich unterschreiben. Dann gab er mir meinen Pass zurück. „Kriegst du auch ein neues Datum?“, fragte er Tom. Dieser verneinte.

Das ganze Prozedere hat mich ziemlich gestresst. Der Druck bald das Land verlassen zu müssen, wo wir doch noch weit davon entfernt sind uns dafür bereit zu fühlen, hat mir Angst bereitet. Im Nachinein jedoch würde ich behaupten, dass es so kommen hatte müssen. Nun würden wir eine verhältnismäßig kurze erste Überfahrt haben und danach haben wir weitere vier Monate in Fiji um uns dann auf eine wirklich große Überfahrt vorzubereiten!

  1. Inselgruppe im Nordwesten von Fiji ↩︎
  2. Der Vorteil vom motoren ist, dass man dabei einen Haufen Strom produziert und damit dann ganz unbedarf den Watermaker laufen lassen kann, der sehr viel Strom verbraucht ↩︎
  3. „hallo“ auf fidjianisch ↩︎