Segelboot Lola Libre in Musket Cove Fiji

Außerplanmäßiges Weihnachten und Selbstreflexion

Es war Toms 31ster Geburtstag als meine Mama zu Besuch kam. Wir waren von Lautoka aus wieder nach Musket Cove gefahren um das Projekt „Yasawas1“ noch einmal anzugehen. Meine Mama kam morgens mit der Fähre vom Festland. Wir holten sie gemeinsam mit dem Dinghy2 ab um zu dritt auf unserem Boot zu frühstücken. Ein großes Geburtstagsfrühstück hat bei Tom und mir Tradition. Klassischerweise gibt es türkisches Frühstück aber aufgrund der sehr eingeschränkten Einkaufsmöglichkeiten musste ich dieses mal etwas improvisieren. Ich hatte frisches Ciabatta und Brownies gebacken, Oliven eingelegt und Aufstriche gekocht. Meine Mama steuerte den Sekt dazu und wir ließen es uns richtig gut gehen. Als wir alle drei satt waren öffnete Mama ihre Koffer und eine Bescherung, größer als an Weihnachten begann. Sie hatte uns selbstgemachtes Bärlauchpesto und Hollersirup mitgebracht. Ein Gruß vom deutschen Frühling der mich etwas wehmütig werden ließ. Auch unseren Bootsschein hatte sie dabei, ein sehr wichtiges Dokument, dass wir für die Einreise in andere Länder benötigen werden und in dem Tom als Kapitän und Iffeldorf als Heimathafen eingetragen ist. Es folgten verschiedenste Ersatzteile, unter anderem ein neues Display für unseren Kartenplotter und einen Dreiphasengleichrichter für den Windgenerator. Außerdem eine Unterwasserkamera. Seit Wochen hatten wir Zeug zu ihr bestellt, welches uns nun auf diesem Weg hier in Fiji erreichte. Neben all diesen wichtigen Teilen gab es noch weitere Mitbringsel die zwar weit weniger wichtig waren, über die ich mich aber um so mehr freute: gutes Olivenöl, mein heißgeliebtes Haselnussmus von Rapunzel, Kekse, Hefeflocken und viel mehr. All das breiteten wir nach und nach im Cockpit3 aus, bis wir keinen Platz mehr fanden.

Am Nachmittag zog es uns ins Wasser. Wir wollten unbedingt die neue Kamera ausprobieren. Nicht weit von unserem Boot gab es ein kleines Riff. Von oben total unscheinbar aber wenn man runter taucht wunderschön. Wir zogen uns Flossen und Taucherbrillen an, um die kurze Strecke direkt vom Boot aus zurückzulegen. Doch schnell hängten wir meine Mama ab. Sie tat sich schwer mit den Flossen zu schwimmen. Irgendwie kam sie nicht richtig voran und es sah so aus, als würde es sie schon voll beanspruchen sich über dem Wasser zu halten. Ich rief ihr zu wie sie sich mit den Flossen bewegen soll, doch es brachte nichts. Ich wusste, dass sie sich in der Situation nicht wohlfühlte. So schnell ich konnte schwamm ich zurück zum Boot um ihr das SUP zu bringen.

Immer wieder hatte ich mich für meine Angst vor dem Meer geschämt. Die letzten Wochen war ich immer mit Menschen zusammen gewesen, die eine andere Beziehung zum Meer haben als ich. Die sich furchtlos und ganz natürlich in diesem Medium bewegen und neben denen ich mir vorkam wie ein ziemlicher Schisser. Ein Äffchen im Wasser. Ich habe mich mit ihnen verglichen und mich gefragt, warum ich solche Probleme damit habe schwimmen zu gehen oder ins Wasser zu springen. Warum ich Panikattacken bekomme, wenn ich mich nur ein bisschen vom Boot weg bewege, während die anderen so frei einfach tun worauf sie Lust haben.

Doch jetzt in der Situation mit meiner Mama war nicht ich die, die Angst hat. Ich war die, der die Situation nichts ausmacht und die im Stande ist sich um die andere Person zu kümmern. Das erste mal sah ich, was für einen riesigen Fortschritt ich in den letzten paar Wochen schon gemacht habe.
Anfangs war es für mich unvorstellbar gewesen mich nur mehr als einen Meter von der Bootsleiter zu entfernen, geschweige denn eine Runde um unser Schiff zu schwimmen. Auch der Umgang mit der Schnorchelausrüstung war ein anstrengender Lernprozess gewesen. Ich hatte Unmengen von Salzwasser schlucken müssen bevor ich raus bekam, wie man mit dem Schnorchel taucht. Nichts davon war für mich intuitiv. Es war mir schwer gefallen mich damit anzufreunden, dass das Meer nun unser Vorgarten ist. Oft war ich frustriert weil ich mit dem Mut der anderen nicht mithalten konnte. Erst jetzt realisierte ich, dass der Frust Quatsch gewesen war. Denn was ich an den Anderen als mutig empfand, kostete sie keinerlei Überwindung. Und ganz entgegen meiner Empfindung war ich mutig. Trotz meiner Angst vor dem Meer habe ich mich Schritt für Schritt an das Schwimmen und Tauchen rangetastet und nun, mit meiner Mama als Vergleich, konnte ich sehen wie viel sich bereits getan hat. Der Radius um Lola, in dem ich mich noch wohl fühle ist immens gewachsen. Und auch wenn dies nur für die mir vertrauten Gewässer gilt, die Entwicklung hat begonnen. Ich freue mich über jeden kleinen Schritt und ich bin stolz auf mich. (:

Für die Nicht-Segler:innen:

1 Inselgruppe im Nordwesten von Fiji
2 Kleine Beiboote, oft Schlauchboote mit Aluminiumboden
3 Der Aufenthaltsort an Deck, von dem aus man das Boot steuert