Der Himmel war blau und die Sonne schien, als wir aufbrachen um Richtung Norden zu einer kleinen, unbewohnten Insel zu segeln. Dirk hat uns in der Navigationsapp die, seiner Meinung nach, schönsten Plätze auf den Yasawas1 mit lila Fischen markiert. Die Insel zu der wir nun unterwegs waren, war der erste lila Fisch. Es gab zwei mögliche Routen um unser Ziel zu erreichen. Die eine führte zwischen ganz vielen, ganz kleinen Inseln und Riffen hindurch. Die andere zwischen den Inseln auf der rechten Seite und dem Außenriff auf der linken Seite.
Wir entschieden uns für zweitere. Auch wenn uns die erste natürlich durchaus reizte, bei ihr hätten wir immer wieder motoren müssen um uns langsam durch das Labyrinth aus Riffen hindurch zu navigieren. Aber wir wollten segeln und da war die zweite Route für uns Segelneulinge genau das Richtige.
Als wir uns morgens aufmachten und uns zwischen den anderen Booten aus Musket Cove heraus schlängelten, war es noch windstill. Doch auch außerhalb der schützenden Bucht bewegte sich die Luft kaum. Der Zeiger unseres Windfinders drehte sich bei jeder Welle ein mal im Kreis und die angezeigte Windgeschwindigkeit entsprach der Fahrtgeschwindigkeit. Wir versuchten es trotzdem und öffneten das Vorsegel, doch dieses flatterte nur sanft hin und her. Enttäuscht holten wir es wieder ein und stellten den Autopiloten an. Das was die letzte Woche zu viel an Wind war, war nun zu wenig.
Wir stellten uns auf eine längere, unspektakuläre Überfahrt ein, als ich plötzlich ein Motorboot nur wenige Meter neben unserem Rumpf, erblickte. Ich erschrak. Im ersten Moment dachte ich, wir würden kollidieren. „Oh Mist, Verdammt!“, stieß ich aus, als ich zum Autopiloten sprang, ihn auf Standby schaltete und schnell das Steuerrad ergriff. Bevor ich es herum reißen konnte, erkannte ich zum Glück die Situation und ließ von einem Ausweichmanöver ab. Die zwei Männer im Boot beobachteten mich belustigt. Peinlich…
„Entschuldigt, aber ihr könnt hier nicht lang.“ Sie erklärten uns, dass auf den Inseln vor uns gerade die aktuelle Staffel der australischen Show „Survivor“ gedreht wird und diese Gewässer deshalb Sperrgebiet sein.
Wir kannten die Sendung. Es war schwer um sie herum zu kommen, denn die Fijis scheinen sehr stolz darauf zu sein, dass ihre malerische Landschaft als Kulisse der Show dient. Tatsächlich hatten wir erst ein paar Tage zuvor die erste Folge der aktuellen Staffel angeschaut, nachdem uns eine Marktverkäuferin auf drängen ihres Sohnes hin fragte, ob wir zum Cast gehören. Denn es soll wohl ein Pärchen geben, welches genau so aussieht wie wir. Wir haben uns allerdings nicht entdecken können und nachdem wir der Meinung waren niemanden auch nur ansatzweise zu ähneln haben wir uns gefragt, ob wir Weißhäute für Fijianer vielleicht alle ziemlich gleich aussehen.
Dass die Show aber ganz aktuell hier gedreht wird wussten wir nicht. Hätten wir eigentlich wissen müssen, immerhin ist man verpflichtet immer die aktuellsten Neuigkeiten für Seefahrer des jeweiligen Landes zu lesen. Hatten wir aber nicht. War in der Situation zum Glück auch nicht weiter schlimm, denn die zwei Männer im Motorboot waren total nett. Es gebe zwei Möglichkeiten für uns an unser Ziel zu kommen: entweder wir nehmen doch die erste Route, durch die vielen Inselchen und Riffs hindurch oder wir umfahren das Sperrgebiet indem wir uns hinter das Außenriff begeben, raus auf den Pazifik. Die Männer entschuldigten sich mehrmals für die Unannehmlichkeiten, Fidschianer sind einfach zu nett.
Wir schauten uns die Optionen auf der Karte an. Ganz nah von unserem Standort gab es eine Passage von der aus wir die geschützten Gewässer verlassen könnten, um auf der anderen Seite des Außenriffs weiter in den Norden zu fahren. Bis zu dem Punkt wo es endet, denn auf der Höhe liegt der erste lila Fisch. Von dort müssten wir nur noch queren bis wir unser Ziel erreicht haben. Ich schaute hinüber, dort hin wo Wellen auf Gestein und Korallen treffen und mit spritzender Gischt brachen. Obwohl kein Wind ging sahen die Wellen bedrohlich hoch aus. Bestimmt die Nachwehen des Sturms, der hier die letzte Woche gewütet hat. Ich wollte da nicht raus. Obwohl es mir die letzten Wochen immer überraschend gut damit gegangen war auf dem Wasser zu leben, machte mir der Gedanke an den Pazifik Angst. Selbst vor der schützenden Riffkante kam mir die See manchmal ziemlich ruppig vor. Wenn ich das anderen Segler*innen erzählte lachten diese nur. „Du warst noch nicht draußen, du weißt noch nicht wie ruhig das Wasser hier ist.“
Doch früher oder später müssen wir eh auf den offenen Pazifik, warum also nicht schon mal einen ersten Eindruck gewinnen auf einer absehbaren Strecke, an einem Tag an dem kein Wind geht? „Lass uns raus fahren“, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung.
Hinter uns näherte sich ein zweites Segelboot. Auch dieses wurde von den Männern im Motorboot abgefangen und änderte daraufhin seinen Kurs. Es beruhigte mich, dass wir nicht alleine sein würden sondern ein Boot, mit bestimmt seeerfahrenen Segler*innen, in unserer Nähe haben würden.
Doch als wir abbogen um die Lücke im Riff zu nutzen, hielten die anderen ihren Kurs bei und fuhren weiter geradeaus. Die Männer hatten uns ausdrücklich gesagt, dass wir hinter das Riff müssen und es nicht reicht ganz nah an der Innenkante entlang zu fahren. Ich ärgerte mich, warum fuhren sie nicht raus? Ist das eine dumme Idee? Ist es zu gefährlich? Doch es war zu spät, schon kurz darauf hatten wir die Passage durchquert. Der Seegang hatte bereits vor der Passage zugenommen, doch als wir dann tatsächlich draußen waren sah das Meer noch einmal ganz anders aus. Lola schwankte hin und her und legte sich dabei so sehr auf die Seite, dass die Fußreling2 fast das Wasser berührte. Wir hatten schon einmal eine solche Schräglage erreicht. Da hatten wir die Segel offen und es hatte sich kontrolliert, ja, gewollt angefühlt. Da hatte mir das nichts ausgemacht. Im Gegenteil, ich hatte sogar Freude daran gefunden. Doch jetzt wankte Lola von der einen auf die andere Seite. Hoch, runter, links, rechts. Mein Gehirn versuchte verzweifelt diese unkontrollierten, unbeständigen Bewegungen auszugleichen. Mir wurde schwindlig und ich spürte Druck hinter meiner Stirn. Die Segel stabilisieren das Boot, machen es angenehmer sich seinen Weg durch ein solches Chaos an Wassermassen zu bahnen.
Jetzt wo wir uns genau zwischen ihnen befanden, wirkten die Wellen optisch eigentlich nicht mehr sehr bedrohlich. Meine Ängste sind geprägt von Filmen, in denen sich Boote gegenüber von brechenden zehn-Meter-Wellen sehen. Im Vergleich dazu sahen diese Wellen geradezu harmlos aus. Auch weil man sich ja selbst immer auf oder ab bewegt und deshalb selten von unten zu der Welle hoch sieht. Doch die Wirkung, die diese Wellen auf unsere Lola hatten war eine, die ich mir für viel größere ausgemalt hatte. Ich saß in einer Ecke und beobachtete Tom wie er selbstsicher das Steuerrad in der Hand hielt. Nun konnten wir das Spektakel der scheinbar aus dem Nichts brechenden Wellen mitten im Meer von hinten beobachten. Ein bizarrer Anblick.
Es dauerte eine ganze Weile bis ich Vertrauen gefasst hatte und sich die Sicherheit in mir breit machte, dass Lola sich immer wieder aufrichten würde und uns nichts passieren wird. Ich musste an das Bild denken, das mir der Vorbesitzer geschenkt hatte. Er hielt eine Weinflasche in der Hand, dort wo der Hals in den Bauch überging. „Stell dir vor, der Hals ist Lola und der Bauch ist der schwere Kiel an ihrem Rumpf.“ Mit der anderen Hand hob er den Bauch, sodass der Hals sich neigte. Dann ließ er los und die Flasche schwang zurück in ihre Ausgangsposition. „Der Kiel sorgt dafür, dass sie sich immer wieder aufrichtet. Auch wenn ihr euch stark neigt, sie wird garantiert nicht einfach umkippen.“
Es waren anstrengende Stunden die wir auf dem Pazifik verbrachten. Tom, der eine Ruhe ausstrahlte als wüsste er was er tue, zog sein Shirt aus. „Nass“, erklärte er. „Und ich dachte du wärst so cool“, musste ich grinsen. „Täusch dich nicht, da steckt Angstschweiß drinnen, aber einer muss ja die Stellung halten.“
Er machte mir Essen gegen die Seekrankheit und auch wenn es meinen Instinkten total wiedersprach half es und es ging mir danach deutlich besser. Die Stunden vergingen. Tom spielte Gitarre und ich lauschte mit geschlossenen Augen den Geräuschen um mich herum: das Brummen des Motors, das Gluckern des Wassers in dem Ablauf unseres Cockpits, das leise Schnurren des Watermakers, die Gitarre, das Meer. Das Meer war überraschend leise. Das Rauschen der Brandung, welches ich immer mit dem Meer verbunden hatte, hörte man hier draußen nicht.
Tom hatte mir vor kurzem ein Video von einem Pärchen gezeigt, die gerade den Atlantik überqueren. Der Seegang den sie über Tage hinweg hatten ähnelte stark dem, den wir auf dem Pazifik erlebten. Ich freute mich schon bald wieder in ruhigere Gewässer zu kommen um abends in einer hoffentlich gut geschützten Bucht zu liegen. Diese Wellen über mehrere Tage ertragen zu müssen war eine grauenhafte Vorstellung.
Die Sonne stand schon ziemlich tief als wir endlich erneut unseren Kurs änderten, um diesmal direkt auf unser Ziel zu zusteuern. Der Himmel wurde zunehmend bewölkt und die See wurde ein klein wenig sanfter. Das Licht war nicht mehr so grell, sondern wurde warm und weich. Insgeheim hatten wir beide gehofft Delfine zu sehen, doch es tauchten keine auf. Dafür konnten wir andere, gleichwohl wunderbare wie wundersame Kreaturen beobachten: fliegende Fische. Wie kleine Vögel die elegant übers Wasser schweben, sahen sie aus. Ihre Flügelflossen schlugen schnell auf und ab und trugen sie so weite Strecken durch die Luft, bevor sie mit einem leisen Platschen wieder im Wasser verschwanden. Bei dem Anblick ging es mir gleich besser. Ich rannte aufs Vorschiff um einen besseren Rundumblick zu haben. Vor uns ragte nun Navadra auf, das Ziel unserer heutige Reise. Ein großer Fels markierte den Anfang der Insel. Schwarz erstrahlte er in dem Licht der untergehenden Sonne. Immer wieder sahen wir große Fische aus dem Wasser springen, manchmal drei, vier Meter hoch! Manche vollführten kunstvolle Drehungen, bevor sie mit einem lauten Platschen wieder auf das Wasser schlugen. Es war ein tolles Schauspiel und in dem Moment war das Meer nur faszinierend und wunderschön. Die Wellen, die immer kleiner wurden, schienen uns nicht mehr durchschütteln zu wollen sondern ließen uns bewegen wie Tänzer im Takt der See.
Als wir die Ankerbucht erreichten, war es schon fast dunkel. Das andere Boot, welches heute morgen noch hinter uns war, wartete nun bereits in der Mitte der Bucht auf uns. Wir mussten ein paar Runden drehen, bevor wir unseren Platz gefunden hatten. Wie wir ein wenig enttäuscht feststellten, war die Bucht leider alles andere als geschützt. Sollte wieder Wind aufkommen, würde dieser zwar durch das Land im Osten etwas abgefangen werden, doch der Schwell kam aus Westen und da war leider nichts was das Wasser bremste. Ich verstand, wie verwöhnt wir von unseren bisherigen Schlafplätzen gewesen waren. Doch, dass uns in den Yasawas rollige3 Nächte bevorstehen würden, hatte man uns bereits prophezeit.
Für die Nicht-Segler:innen:
1 Inselgruppe im Nord-Westen von Fiji
2 Leiste an den Rändern des Decks welche sich um das komplette Boot zieht. Eine Reling auf Höhe der Füße also.
3 Laut Wikipedia bezeichnet „Rollen“ die Bewegung eines Wasser-, Luft- oder Raumfahrzeugs um seine Längsache. Vereinfacht: das Boot schwankt in den Wellen hin und her. Ziemlich nervig.


