Wir waren gut vorbereitet. Vielleicht würde uns der ein oder andere ein wenig belächeln, wüsste er, wie gut wir vorbereitet waren, immerhin handelt es sich nur um eine kurze Überfahrt. Keine 48 Stunden braucht man von Savusavu nach Futuna, einem kleinen französischem Überseegebiet welches von Seglern eigentlich nur aus dem Grund angesteuert wird, dass es nah ist und man hier sehr unkompliziert ein- und ausklarieren kann. Wenn die Aufenthaltsgenehmigung in Fiji ausläuft, segelt man mal schnell nach Futuna, holt sich dort seinen Stempel und segelt wieder zurück.
Doch für uns war es mehr als das. Es war unsere erste richtige Überfahrt und bis dato der mit Abstand längste Segeltörn für uns.
Wir füllten unsere Diseltanks indem wir Kanister an der Tankstelle füllten, diese mit dem Dinghy1 zu Lola brachten, die etwas auerhalb der Stadt vor Anker lag, mit einem Trichter die Kanister in die Tanks leerten um dann wieder zurück zur Tankstelle zu fahren um die Prozedur zu wiederholen.
In den Banken und Wechselstuben der Stadt versuchten wir, ein paar Fiji Dollar in XFP2 zu wechseln, doch niemand hatte diese Währung im Angebot. Da die Ein- und Ausreise in Futuna kostenlos ist, besteht wohl keine Nachfrage. Wir ließen unsere Gasflaschen füllen und tauschten die Leinen unserer Genua, denn während unserer Nachtfahrt sind die alten gleich mehrmals aus der Sicherung unserer Winsch gerutscht. Sie waren einfach etwas zu dünn gewesen.
Wir verstauten und verräumten, putzten, kauften ein und kochten vor.
In einem Anflug von Übereifer backte ich Brot und Kuchen, dazu machte ich zwei Aufstriche, ein Pesto und ein Apfelkompott. Außerdem kochte ich einen großen Topf Suppe und einen großen Topf Chili. Verhungern würden wir also schon mal nicht.
Zwischen all den Besorgungen schauten wir bei Fiji Customs3 vorbei, um uns zu erkundigen, wie das Ausklarieren abläuft und welche Unterlagen sie von uns dafür benötigen. Das sei ganz einfach, erklärte uns eine symphatische Frau in Uniform, wir sollen einfach kurz vor Abfahrt zu ihnen kommen und alle Unterlagen mitbringen, die wir haben. Man werde uns dann mit den Formularen helfen.
So waren wir die Tage vor Abfahrt ziemlich beschäftigt gewesen und am Tag des Aufbruchs stand nur noch ein Besuch bei der Post (unsere im Internet bestellten Regenjacken waren gerade noch rechtzeitig angekommen) und die obligatorischen Formalitäten aus.
Wir schliefen aus, ich machte Yoga, wir schwammen eine Runde. Es war ein gemütlicher, unaufgeregter Freitag-Morgen. Wir wollten gegen 18 Uhr los, denn da sei, laut unserer KI-basierten Wetterapp, die Wahrscheinlichkeit in ein Gewitter zu geraten am geringsten.
Nach dem offiziellen Ausklarieren, hat man eine Stunde um aufzubrechen. Das zuständige Büro schloss freitags um 16.30 Uhr. Das passte also ganz gut.
Nachdem wir nicht genau wussten, welche Unterlagen man von uns sehen wollte, kramten wir einfach alles zusammen was uns wichtig erschien, einschließlich der Unterlagen des Vorbesitzers und der Vor-vorbesitzer, welche Lola damals in Fiji eingführt haben. Eine Stunde vor Schluss betraten wir das Büro von Fiji Customs.
Die Frau, die sich uns auch schon zwei Tage zuvor angenommen hatte, nahm unsere Dokumente und Unterlagen entgegen und reichte uns im Gegenzug zwei Formulare. Während wir anfingen diese auszufüllen, blätterte sie die Papiere durch. „Wo ist das Dokument, dass bezeugt, dass euer Boot offiziell in Fiji eingeführt wurde?“, fragte sie. Sie hielt mir den Stapel entgegen. Auch ich durchblätterte nun die Papiere und wurde zu meiner Erleichterung schnell fündig. Lächelnd gab ich ihr mehrere, zusammen getackerte Blätter. Doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, das ich nicht das richtige. Das Dokument welches ich benötige ist rosa, gefaltet und verschlossen.“
Diese Beschreibung kam mir bekannt vor. Schon einmal wurden wir nach diesem Dokument gefragt, im Immigration Department von Lautoka. Nach unserer etwas holprigen Einreise und einen seltsamen Anruf in dem uns gesagt wurde, etwas sei nicht korrekt mit unserer Aufenthaltsgenehmigung, wollten wir damals von den dortigen Officers Klarheit und eventuelle Missstände klären und beheben. Uns wurde zwar gleich versichert, dass alles passen würde, doch zweifelte ich aus bereits gesammelter Erfahrung an der Kompetenz der Mitarbeiterin und auf mein Nachhaken hin, holte sie sich eine zweite Meinung ein. Die dazugeholte Frau wiederum wollte besagtes rosa, gefaltetes und verschlossenes Dokument sehen. Nur dann, könne sie unseren Status überprüfen und uns sicher sagen, ob es ein Problem gebe oder nicht.
Wir hatten dieses Dokument noch nicht gesehen, obwohl wir Lola zu dem Zeitpunkt bereits ein mal auf links gedreht hatten. Und auch als wir spezifisch danach suchten, blieb es verschollen. Wir hatten damals beschlossen nicht selber ein Fass aufzumachen, dass uns am Ende vielleicht nur schaden könnte und die Sache einfach zu vergessen. „Wird schon alles passen“, hatten wir uns gesagt und waren nicht wieder zum Department zurückgekehrt.
„Weißt du welches Dokument ich meine?“, fragte mich die Customs Mitarbeiterin.
„Wir haben dieses Dokument nicht. Als wir das Boot gekauft haben war kein solcher rosa Zettel an Bord.“, antwortete ich. Sie stutzte, „sicher, dass ihr es nicht habt?“ Ich nickte. Sie seufzte kurz, nahm mir die Papiere wieder aus der Hand und verschwand durch eine Tür, die zu den dahinterliegenden Büros führt.
Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder öffnete.
Diesmal trat eine andere Frau aus ihr. Sie trug keine Uniform, dafür einen schicken Rock und ein Hemd. In der Hand hielt sie unsere Papiere. „Bist du dir wirklich sicher, dass ihr das Dokument nicht habt? Es bestätigt die rechtmäßige Einführung des Bootes in unser Land“, fragte sie noch einmal nach. Doch wir mussten wieder verneinen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie wichtig dieses Dokument ist. Es belegt, dass Lola legal eingeführt wurde und gibt den verantwortlichen Captain an, der für das Boot und dessen Crew verantwortlich ist. Ich musste daran denken, dass uns der Vorbesitzer auf die Crewliste von Lola eintragen lassen wollte, doch nie eine Bestätigung seitens der Behörden erhalten hatte. Vielleicht hätten wir damals beim Immigration Department melden sollen, dass uns dieses eine, wichtigste Dokument fehlt.
Die Frau, die unseren Fall scheinbar übernommen hatte, blätterte konzentriert durch die Papiere in ihrer Hand, als würde sich das nicht vorhandene Dokument doch noch zwischen den anderen verstecken. Dann holte sie ihr Handy hervor und telefonierte. Sie wechselte zwischen Englisch und Fiji hin und her aber der englische Anteil reichte nicht aus um den Inhalt ganz zu begreifen. Als sie aufgelegt hatte wandte sie sich an Tom. „Sind die Ausreiseformulare bereits vollständig ausgefüllt?“ „So gut wie.“ Sie nickte und verschwand wieder durch die Tür.
Tom und ich schauten uns an. Diesmal blieb sie quälend lange geschlossen. Der Zeiger auf der Uhr schritt unaufhörlich voran. Es war bereits 16.30 Uhr. Mehrere Officers verließen fröhlich plaudernd die Büros und machten sich auf, in ihr wohl verdientes Wochenende. Mich beschlich die Sorge, dass das heute nichts mehr werden würde. Nur, wenn es heute nicht klappen sollte, hätten wir ein Problem. Ab Montag sollte das Wetter umschlagen und wir hätten keine Zeit mehr ein neues Wetterfenster abzuwarten.
„Ich habe von einem Pärchen gehört“, riss Tom mich aus meinen Gedanken, „die auch ein Boot ohne gültige Einreisedokumente gekauft haben. Die durften partout nicht mehr ausreisen und mussten am Ende das Boot wieder verkaufen.“ Ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, dass das wirklich die ganze Geschichte war. Irgendeinen Weg muss es doch in einem solchen Fall geben. Trotzdem trug diese Bemerkung nicht gerade dazu bei, meine Laune zu heben.
Zum Glück konnte ich nicht zu lange darüber grübeln, denn da kam die Customs Beamtin wieder. Sie drückte uns einen Stapel Formulare in die Hand. „Geht zum Immigration Department, füllt die aus, lasst sie euch absegnen und kommt dann wieder“, wies sie uns an.
„Aber sind Sie denn dann noch da?“, fragte ich zögerlich. Die Frau schaute auf die Uhr und seufzte. „Ich gebe euch zehn Minuten.“
Wir hetzten rüber zum Immigration Department, welches zum Glück gleich um die Ecke lag. „Hoffentlich haben die nicht schon Feierabend gemacht“, schoss es mir durch den Kopf. Doch wir hatten Glück, das Büro war noch offen. Ein bisschen aus der Puste versuchte ich dem Mann hinter dem Tresen unsere Situation zu erklären, doch auch mir schienen meine Ausführungen etwas wirr und eigentlich wusste ich ja auch nicht, wieso wir hier waren. Netterweise hielt er uns nicht mit weiteren Fragen auf, sondern reichte uns nur einen Stift.
Wenige Minuten später trat die Frau, aus dem Customs Büro ein, sie war uns wohl gefolgt. Auf fijianisch redete sie auf den Mann vor uns ein.
Vermutlich hat noch nie jemand so schnell diese Formulare ausgefüllt, wie wir es nun taten. Ohne darauf zu achten, was genau wir da eigentlich ausfüllten, hetzten wir uns durch die einzelnen Felder. Die Frau trommelte mit ihren langen Fingernägeln auf den Schreibtisch und schaute immer wieder auf die Uhr.
Als wir fertig waren reichten wir dem Mann die ausgefüllten Seiten. Ohne einen genaueren Blick darauf zu werfen stempelte er sie ab, verschwand dann kurz und hielt beim wieder kommen ein gefaltenes, zusammen getackertes, rosa Papier in der Hand.
Die Frau nahm es entgegen und zu dritt rannten wir zurück. „Wisst ihr, wir sind im Moment total unterbesetzt und ich muss heute noch mehr als tausend Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes ausstempeln“, erklärte sie im Rennen.
Das Office wirkte verwaist als wir eintraten. „Gebt mir eure Pässe, dann stempel ich euch aus.“ Wir gaben sie ihr und sie verschwand wieder in dem hinteren Teil und ließ uns im Warteraum zurück. „Weißt du, was wir da gerade ausgefüllt und unterschrieben haben?“, fragte mich Tom. Ich schüttelte den Kopf. „Das waren Einreiseformulare. Offiziell haben wir zwei damit Lola heute in fijianische Gewässer eingeführt.“ Wow, ich war verblüfft. An einem Freitagnachmittag, nach offiziellem Büroschluss, hat uns diese Frau zu falschen Einreisedokumenten verholfen. Eine unkonventionelle Lösung ganz ohne Bestechungsgeld. Ich bin mir sicher, auch in Fiji riskiert man mit so etwas seinen Job und das alles nur um uns zu helfen. Ich hätte mehr als verstanden, hätte sie uns weg geschickt und gesagt wir sollen montags wieder kommen.
Zehn Minuten vergingen, ohne dass die Frau wieder kam. Inzwischen froren wir. Die Klimaanlage brummte munter vor sich hin, auch jetzt wo offiziell schon geschlossen war. „Wo bleibt sie denn?“, fragte Tom, „ich dachte sie stempelt nur unsere Pässe.“ Ich nahm die zwei Stufen zu der Sichtscheibe, durch die man in die dahinter liegenden Büros sehen kann. Sie war doch nicht die letzte hier. Ein Mann stand neben ihr. Sie unterhielten sich lebhaft und zeigten immer wieder auf die Papiere in der Hand der Frau. „Oh nein“, dachte ich. Hoffentlich macht er jetzt nicht noch Probleme, wo doch schon alles geregelt schien. Die beiden sahen mich an dem Fenster und die Frau kam zu mir. „Es tut mir sehr leid aber unser Drucker macht gerade Probleme“, sagte sie durch einen Sprachschlitz. „Wir versuchen unser Bestes, das so schnell wie möglich zu beheben.“ Ernsthaft? Sie entschuldigte sich bei mir? „Mir tut es leid, für die Umstände!“, beeilte ich mich zu sagen. Sie lächelte.
Wenig später kamen die beiden in den Warteraum. Sie gaben uns unsere gestempelten Pässe, zusammen mit dem rosa Dokument, „Gute und sichere Fahrt“, wünschten sie uns, „hoffentlich sehen wir euch bald wieder!“
Wir konnten unser Glück nicht fassen. All dieses nervige hin und her mit den Massen an alten Unterlagen war nun vorbei. Wir hatten Lola offiziell als Bootseigner nach Fiji ein- und wieder ausgeführt und hatten inzwischen einen eigenen, deutschen Bootsschein. Mehr als diese Papiere würden wir in Zukunft nicht mehr benötigen. Jetzt war Lola wirklich und wahrhaftig und hoch offiziell unsers.
Es war zwanzig nach fünf. Also, zurück zu unserem Schiff und dann los, auf unsere erste Überfahrt. Auf nach Futuna.





