Fidschi besteht aus etwa 300 kleinen Inseln. Die zwei größten Inseln heißen Viti Levu (großes Fidschi) und Vanua Levu (kleines Fidschi). Bis dato hatten wir uns nur an der Westküste Viti Levus und ihren vorgelagerten Inseln bewegt, doch nun wurde es Zeit den Standort zu wechseln. Wir wollten übersetzten nach Vanua Levu, genauer gesagt in die Stadt Savusavu!
Dies würde ein besserer Ausgangsort für uns sein, um bald auf unsere erste Überfahrt in ein neues Land aufzubrechen. Denn inzwischen blieb uns nur noch etwas mehr als ein Monat um unser Boot ready zu kriegen und Fidschi zu verlassen.
Wir haben die Strecke nach Savusavu total unterschätzt. Auf der Karte sieht Fiji immer so klein und damit alles so nah aus, aber mit einem Segelboot ist man nun mal etwas langsamer unterwegs und so haben wir uns die Strecke letztendlich in vier Tagesetappen aufgeteilt. Die ersten zwei Tage würden wir von Lautoka, die Westküste entlang zu einem Ankerplatz an der Nordküste fahren. Am dritten Tag würde dann die Überfahrt von Viti Levu nach Vanua Levu stattfinden und am vierten Tag würden wir von unserem Ankunftsort, an der Südküste entlang, bis zu unserem Ziel Savusavu, fahren.
Die Strecke vom großen zum kleinen Fidschi war die erste, bei welcher wir uns aus dem schützenden Schatten Viti Levus hinausbegeben würden und war somit eine Premiere, die sich anfühlte als sei es unsere erste kleine Überfahrt.
Nachdem wir die ersten beiden Tage nur motoren konnten, einmal ohne Wind und einmal gegen den Wind, versprach diese Etappe wieder segelbar zu sein.
Wir motorten früh morgens durch ein Labyrinth aus Riffen, bevor wir die Hauptinsel verlassen hatten und uns auf dem offenen Ozean befanden. Das Wasser gab uns keine Schonfrist, es ließ uns sogleich spüren, dass wir es hier mit einer offeneren, wilderen Variante zu tun hatten als wir es von der Westküste gewohnt waren.
Von einem Freund, dem wir von unserem letzten, für mich etwas traumatisierenden Segelerlebnis in den Yasawas, erzählt haben, hatten wir den Tipp bekommen sich beim Segel hissen nicht ganz in dem Wind zu stellen und nur die Bäume1 soweit zu öffnen, dass man die Segel gut hoch ziehen kann. Dieser Tipp war gold wert und wir probierten ihn sogleich aus. Trotzdem wankten wir in den Wellen so sehr hin und her, dass Tom uns die Sicherheitswesten und für ihn, der das Cockpit verließ, die Sicherung holte. Die Sicherung benutzten wir das erste mal und ich war froh, dass wir anfingen uns weniger leichtsinnig wie am Anfang zu verhalten. Nicht auszumahlen wie es wäre, wenn einer von uns über Bord gehen würde.
Wir führten das Manöver also gesichert und nicht gegen die Welle aus und was war das für ein Unterschied!
Wir hatten nun also das Groß- und das Vorsegel draußen. Um das kleine Segel hochzuziehen begab ich mich auf unser Achterdeck2. Doch ich kam nicht weit, bis sich die Segellatten in den Leinen unserer Lazy Jacks3 verheddertet und schaffte es auch nicht sie zu befreien. Wind und Welle nahmen weiter zu und Tom bat mich lieber wieder in das Cockpit zu kommen. Um das kleine Segel würden wir uns später kümmern.
Wir brachten uns auf Kurs. Der Wind kam aus 30° von vorne. Kein besonders guter Winkel doch für unsere Lola machbar. Ohne dass wir etwas beisteuern mussten beschleunigte sie. Wir hatten 7 kn4 auf dem Tacho, dann 7,2 dann 7,5. Wir neigten uns immer mehr, unten hörte man irgendetwas auf den Boden fallen. Ob wir es wohl je hin bekommen werden alles so zu verstauen, dass es bei einer Überfahrt sicher ist? Es fühlte sich unwirklich an, wie wir gegen den Wind und dennoch von ihm angetrieben, über das blaue Wasser flitzten.
Schnell zeigte der Tiefenmesser 400 m an und bei dem Gedanken daran, wie weit der Grund von uns entfernt war, wurde mir ganz mulmig. Immer wieder legten uns Böen noch ein Stückchen mehr auf die Seite und das Wasser schlug auf das Deck. Unweigerlich fragte ich mich, ob ich hier richtig sei. Ob mein Platz wirklich auf einem Boot ist, wo ich doch eigentlich eher Angst vor dem Meer habe. Wie sollte es mit uns weiter gehen, wenn ich das hier eigentlich gar nicht will?
Doch es brauchte nur Zeit um mich an dieses Gefühl, die Schräglage und das Tempo zu gewöhnen. Das mulmige Gefühl wich der Euphorie und das Segeln fühlte sich ein bisschen an wie fliegen.
Dass der Wind so spitz von vorne kam, wurde immer wieder zur Herausforderung. Ein paar mal flatterten die Segel und wir mussten unseren Kurs neu anpassen, was wiederum zu einer Herausforderung wurde wenn wir uns einem der Riffe näherten. Das alles musste so viel einfacher sein, wenn man sich in Gewässern bewegt, die einem genug Spiel zum manövrieren lassen.
So ließen wir das uns inzwischen so vertraute Land hinter uns. Immer kleiner und kleiner wurde es, bis es hinter Wolken am Horizont ganz verschwand. Egal wo wir bis dato gewesen waren, die Konturen von Viti Levu waren immer klar erkennbar gewesen, wie ein sicherer Hafen der immer noch irgendwie in Reichweite war. Nun hatten wir es hinter uns gelassen und neue Konturen wuchsen vor uns auf. Ich saß auf der Seite des Cockpits, welches in die Luft ragte und beobachtete die Wellen und das schäumende Wasser unter mir. Ein Anblick der mich ähnlich in seinen Bann zog, wie es Feuer vermag.
Als Möwen über unser Boot kreisten war ich mir sicher nicht mehr all zu weit vom Land entfernt zu sein.
Unser Ankerplatz für diese Nacht war scheiße. Ich wäre ganz sicher nicht auf die Idee gekommen hier zu ankern aber wir hatten gehört, dass schon einige auf dem Weg nach Savusavu hier einen Stopp eingelegt hatten. Er lag an dem südlichsten Zipfel der Westseite und es war keine Bucht sondern lediglich eine auslaufende Untiefe, die im Osten in einem Riff endete. So konnten wir bei 10 m ankern, vor dem Wind gänzlich ungeschützt und vor den Wellen lediglich durch das Riff, welches mit bloßen Auge bei High-Tide jedoch nicht zu sehen war.
Die Nacht war alles andere als erholsam. Wir mussten feststellen, dass ein Kabeldurchlass unserer Ankerwinsch undicht ist und bei der Überfahrt war einiges an Meerwasser genau auf unser Bett gelaufen. Die Bettdecke und meine Seite der Matratze waren plitschnass. Wir gaben uns große Mühe auf der trockenen Seite zu liegen, aber die war zu klein für uns beide und so lag ich etwa zur Hälfte im Nassen. Die Wellen gönnten uns keine Pause, doch war diese Nacht anders als wir es von z.B. Navadra kannten, nicht typisch rollig5. Die Wellen mussten genau von vorne kommen. Der Wind pfiff und die Ankerkette ächtzte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie sich in dieser Nacht gelöst hätte. Doch zu unserem Glück hielt sie und irgendwann fiel ich in eine unruhigen Schlaf.
Diese erste kleine Überfahrt hatte uns neues Selbstbewusstsein gebracht. Als es am nächsten Morgen wieder los ging, hatte ich das erste mal das Gefühl, zumindest so ein bisschen zu verstehen was wir hier tun. Wenn das nicht ein großer Schritt, in die richtige Richtung ist!




- Lange Stangen, auf denen die Segel befestigt sind ↩︎
- Achter = hinten; das hintere Deck also ↩︎
- Leinen die helfen, dass das Segel beim Ablassen nicht vom Baum fällt ↩︎
- knapp 13 km/h, klingt langsam ich weiß, ist für unser Boot aber schon schnell ↩︎
- wenn sich das Boot entlang seiner Längsachse von einer auf die andere Seite bewegt ↩︎

