Freude über und Zweifel an unserem neuen Leben

Wir haben ein weiteres Abenteuer gemeistert und sind von der Hauptinsel Viti Levu zur zweiten, kleineren Hauptinsel Vanua Levu gesegelt. Für mich, die nach wie vor keine Ahnung vom Segeln hat, eine große Sache! Wir sind gut in Savusavu angekommen und haben einen netten Ankerplatz, nahe der Stadt gefunden. Und jetzt? Stagniert das Abenteuer wieder. Schon seit zwei Wochen sind wir hier und bis auf die Stadt haben wir noch nichts von der Insel gesehen. Dafür sind wir wieder dabei am Boot zu arbeiten.

Einmal waren wir morgens vom Boot aus schnorcheln und sind dabei fast bis ans Land geschwommen, das war schön. Schon drei mal haben wir uns abends mit unseren Freunden Dirk und Silvie in einer Bar getroffen. Auch das war sehr schön. Und das waren sie dann auch schon, die Highlights dieser Zeit.

Nach den Abenden mit den beiden hab ich mich immer so glücklich und dankbar gefühlt. Berauscht vom Alkohol war ich total erfüllt von dem Leben welches wir jetzt führen, die Möglichkeiten die wir haben und von den Abenteuern die noch kommen werden. Ich konnte die Emotionen körperlich spüren, hatte ein regelrechtes Gribbeln im Bauch und hätte am liebsten geschrien um diesen Gefühlen Platz zu machen. Wir haben uns befreit aus dem Alltag daheim und leben nun auf unserem eigenen Boot in Fidschi!!

An anderen Tagen, an denen ich stundenlang Rost klopfe, ist nicht viel von der Euphorie übrig. Ich frage mich ob das für immer so sein wird, dass immer Arbeiten zu tun sein werden, die an unseren Kräften und Nerven zerren und dass wir unser ganzes Geld für Material und Ersatzteile ausgeben. Das wir keine Zeit haben werden um die Orte, an denen wir sind, zu erkunden weil der Druck fertig zu werden bevor man weiter muss, zu hoch ist, um sich einen Tag frei zu nehmen. Wird unser Leben zu einem Wechselspiel aus am-Boot-arbeiten und nach-Jobs-suchen um das Geld für die nächste Reparatur zu verdienen?

Im Moment fühlt es sich gar nicht so nach Reisen an, sondern eher als wären wir umgezogen und hätten Arbeit und Alltag auf ein Boot verlagert.

Und dabei war es das Reisen, was ich immer wollte! Ich wollte Länder sehen, Menschen kennen lernen und Abenteuer erleben! Jetzt sehe ich Küsten und selten ist es ein anderer Grund als das Einkaufen, der mich das Boot verlassen lässt.

Ich will nicht undankbar wirken. Dieses Vorhaben hat das Potenzial das größte und spannendste Abenteuer meines Lebens zu werden und vielleicht blicke ich irgendwann zurück und denke, dass es das größte Glück war hier gelandet zu sein. Doch noch bin ich unschlüssig.

An den Tagen der Arbeit vermisse ich Deutschland. Vermisse die Menschen in der Heimat, vermisse die Wälder und die Berge, vermisse die Möglichkeiten und vermisse das Leben, welches ich dort vielleicht gerade führen könnte. Ein Leben mit Konzerten, jungen Menschen, Partys, Rad fahren und einer Berufsausbildung die mir Spaß macht. Dann fühle ich mich als wäre nur mein Körper nach Fidschi geflogen, mein Herz aber ist noch zuhause.

Meist besinne ich mich schnell wieder. Irgendwo in mir schlummert die Gewissheit, dass es nur etwas Geduld braucht, bis wir das Gröbste überstanden haben und in unserem neuen Leben ankommen werden. Oder ist diese Gewissheit nur eine missverstandene Hoffnung, weil wir zu viel in Kauf genommen haben um einen anderen Ausgang akzeptieren zu können?

Diese Antwort wird mir nur die Zeit geben können. Und bis dahin lasse ich mich fluten, von den Gefühlen des Glücks, werde mich überfordert fühlen, zweifeln, fluchen und weinen und werde versuchen, all die Gefühle anzunehmen die mein neues Leben so mit sich bringt.