Dornenkronenseestern beim fressen einer Steinkoralle

Von Dornenkronenseesternen und Korallen die Inseln erschaffen

Wer auf dem Wasser lebt braucht auch Spielzeug dafür. Zu meiner Freude haben wir in den Yasawas relativ billig ein gebrauchtes Stand Up Paddeling Bord ergattern können. Allerdings kam das Bord ohne das Paddel. Doch auch da ließ sich schnell eins auftreiben und so machte ich mich eines schönes Vormittages auf dem Weg zu dem Segelboot, welches mir eins verkaufen wollte.
Als ich das Boot erreichte war es noch verwaist, kein Mensch da. Doch ich musste nicht lange warten bis ein Dinghy auf mich zu kam, in ihm ein hagerer Mann mittleren Alters im Neoprenanzug. „Entschuldige“, rief er mir zu, er komme gerade, wie jeden Morgen, vom tauchen.
„Oh wie schön!“ Er nickte strahlend. Ja, sagte er, er töte Seesterne. Jeden Morgen. Mein Lächeln erstarb, hatte ich mich verhört? Schon mehr als 700 Stück seien ihm zum Opfer gefallen, berichtete er mir mit stolz geschwellter Brust. Ich musste ziemlich verdutzt geschaut haben, denn mit seinem Finger zeichnete er ein paar Kreise um seinen Kopf. „Dornenkronen, verstehst du? So wie Jesus sie getragen hat.“ Und da ich wohl immer noch ziemlich ratlos wirkte fügte er noch ein „sie töten Riffe“ hinzu. Aha. Er sah wohl ein, dass er von mir dafür keinen Applaus bekommen würde, denn er reichte mir das Paddel und nahm im Austausch das Geld.
Zurück auf Lola nahm ich sofort das Tablet zur Hand und recherchierte was es mit dieser Geschichte wohl auf sich haben könnte.

Nicht süß, nicht nett

Stell dir einen Seestern vor. Vermutlich ist der Seestern in deinem Kopf rot oder sandfarben und hat fünf Arme. Er ist vermutlich nicht sonderlich groß, vielleicht etwa so wie deine Hand? Jetzt lass ihn in deiner Vorstellung wachsen. Immer größer und größer bis er 30 oder 40 cm groß ist. Füge ihm noch ein paar Arme mehr hinzu. Vielleicht sieben, acht oder neun. Wird schon viel? Er könnte sogar bis zu 23 haben! Diese Arme sind mit spitzen Stacheln überzogen, auf gar keinen Fall anfassen! Sie sind giftig! Bei Berührung sind starke Schmerzen und Übelkeit die Folge. Im schlimmsten Fall kann es dich sogar lähmen.
Und vielleicht ist dieser Seestern auch nicht mehr rot sondern grau, oder eher lila,vielleicht auch bläulich, es gibt ihn in vielen verschiedenen Farben. Diese Seesterne haben nicht mehr viel gemein mit den kleinen, netten, deren Anblick wir mit Urlaub oder Strand verknüpfen. Und tatsächlich sind diese Exemplare extrem unbeliebt. Das liegt an ihrem Fressverhalten, denn Dornenkronenseesterne ernähren sich ausschließlich von Steinkorallen. Das tun sie indem sie ihren Magen über sie stülpen und Verdauungsenzyme ausstoßen, welche die Korallen verflüssigen. Das flüssige Gewebe nehmen sie dann auf. Das wäre erst mal nicht so schlimm wenn es sich bei den Riffen unserer Ozeane um intakte Ökosysteme handeln würde.
Doch wie jeder heute weiß, sind unsere Meere schon lange nicht mehr so intakt wie sie sein sollten und die Angriffe von Dornenkronenseesternen stellen eine ernsthafte Bedrohung für Korallenriffe dar.

Korallen sind auch nur Tiere

Riffe sind die artenreichsten Lebensräume im Meer und Steinkorallen bilden dabei das Zentrum. Sie sind ein wahres Wunder der Natur.
Wusstest du, dass Korallen aus tausenden, winzigen Tieren bestehen? Das was wir als einzelne Koralle ansehen ist in Wahrheit eine ganze Kolonie, bestehend aus Polypen. Polypen gehören wie auch die Quallen zu den Nesseltieren und sind in der Regel nur wenige Millimeter groß. Das Korallenskelett ist von einem Gewebe überzogen welches die einzelnen Polypen mit einander verbindet. Über dieses Gewebe können sie anhand von weitergeleiteten Reizen miteinander kommunizieren oder auch Nahrungsstoffe austauschen. Ziemlich cool, oder?
Steinkorallen machen ihrem Namen alle Ehre. Sie produzieren tatsächlich Gestein in Form von Kalk. Man geht davon aus, dass sie 900 Millionen Tonnen pro Jahr ausscheiden! So haben sie schon ganze Inseln geschaffen wie z.B. die Bahamas, Bermuda und die Malediven. Bei dieser Reaktion entsteht neben dem Kalk auch Wasser und CO2. Doch urteile nicht zu schnell, dieses Kohlenstoffdioxid gelangt nicht in unsere Atmosphäre. Dafür sorgen kleine, einzellige Algen die in der Haut der Polypen leben. Diese Algen betreiben Photosynthese und verbrauchen dabei das CO2 aus der Kalkproduktion. Und nicht nur das, die fleißigen, kleinen Algen nehmen noch zusätzliches Kohlendioxid aus dem Wasser auf und speichern so jährlich 70 bis 90 Millionen Tonnen CO2 in den Riffen und macht sie damit zu wahren Klimahelden! Ärgerlich ist nur, wenn diese Riffe aufgefressen werden.
Denn meist ist es nicht nur ein einzelner Dornenkronenseestern der sein Unwesen treibt. Nein, meist sind es gleich richtig viele. Wenn sie über ein Riff herfallen, kann ihre Zahl in die Millionen gehen!
In den letzten Jahrzehnten wurden solche Angriffe immer häufiger, während auch die Zahl der beteiligten Tiere stetig wuchs. Wie bei so vielen Übeln dieser Erde sehen Wissenschaftler auch in diesem Phänomen eine Verbindung zur Nutztierindustrie und exzessiven Landwirtschaft. Denn durch sie gelangen immer mehr Nährstoffe in unsere Meere und fördern damit die Algenbildung. Algen dienen den Dornenkronenseestern-Larven als Nahrungsquelle. Je mehr Algen sich also im Wasser befinden, desto mehr Larven können zu adulten Tieren heran wachsen.
Hinzu kommt die Tatsache, dass sie nur sehr wenige Fressfeinde haben. Wenn man sich wieder das Bild der Seesterne vor Augen führt, kann man sich vorstellen wieso. Und die wenigen, die in der Lage sind solch sonderbare Wesen zu verdauen sind durch Überfischung extrem rar geworden.
In Australien gibt es Projekte, finanziert durch die Regierung, bei denen Taucher die Seesterne vergiften, in der Hoffnung dem Problem so Herr zu werden. Und hier in Fiji? Hier gibt es Carl der täglich tauchen geht und den Tieren mit seinem langen Fischermesser den Garaus macht.

Während die Tiere in Australien wohl zu einer echten Plage geworden sind, hat es hier lange gedauert, bis ich das erste Exemplar in der Natur entdeckt habe. Dies war in Savusavu, an unserem Ankerplatz vor der Stadt. Ein relativ trostloser Ort zum tauchen. Der Boden ist mit toten Korallen übersät und die meisten Korallenköpfe, die wie runde Felsen im Wasser liegen, leben auch schon lange nicht mehr. Doch zwischen all dem traurigen Elend haben wir zwei Bommies1 entdecken können, die völlig intakt schienen. Die Korallen waren bunt und leuchtend und zwischen ihnen tummelten sich kleine Fische. Ich umkreiste sie und dann, auf der Rückseite sah ich es. Zwei Exemplare der Spezies, von der ich gerade erst erfahren hatte und dessen Aussehen ich nur von Bildern aus dem Internet kannte. Ohne das neu gewonnene Wissen hätte ich sie vermutlich nur als faszinierenden Teil dessen betrachtet, was da als Hoffnungsschimmer auf ein erneutes Wachstum vor mir lag. Doch so erfüllte mich ihr Anblick mit Trauer. Das letzte Fleckchen bunten Lebens wurde hier, in diesem Moment langsam vor mir zersetzt.

Zurück auf dem Boot teilte Tom mir mit, dass er am nächsten Tag noch einmal zurück kehren wolle und diesmal, wie Carl, sein Messer mit nehmen würde. Doch er tat es nicht. Denn auch wenn wir meinen eine Ahnung zu haben, wissen wir letztendlich nicht sicher was unser Handeln bewirkt und ob es wirklich richtig und gut ist eigenmächtig gegen Tiere vorzugehen, über die wir nicht viel mehr wissen als uns ein paar Artikel im Netz verraten haben.
Wir sind trotzdem noch einmal zu dem Ort geschwommen, auch wenn wir glaubten bereits alles gesehen zu haben. Wir tauchten nahe über den braun-grauen Boden und beim genaueren Hinsehen erkannte ich, was mir zuvor verborgen geblieben ist: vereinzelte, winzig kleine Korallen. Kolonien aus nur wenigen Polypen die sich auf alten Korallenskeletten und Felsen nieder gelassen haben. Je mehr wir uns umsahen und genauer wir schauten, desto mehr von ihnen konnten wir entdecken.

Wir haben diesen Ort verlassen und vielleicht werden wir ihn nie wieder sehen. Es ist also alles möglich. Vielleicht zerstören die zwei Seesterne die letzten zwei Bommies um dann zu verschwinden. Und vielleicht ist dann die Zeit der vielen kleinen Korallen gekommen sich zu vermehren und zu wachsen. Und wer weiß, vielleicht wird der Ort in ein paar Jahren wieder bunt und voller Leben sein. Wer weiß..

  1. Steinkorallenblock der wie ein Busch oder Fels aus dem Boden ragt ↩︎